Polar-Nomaden

Radfahren ist leicht? Denkste, was? Schon mal mit einem unbeladenen Fahrrad gefahren, wenn du gerade die letzten 2000 Kilometer vollbepackt unterwegs warst? Da fühlt sich das Radfahren an, als würde man es zum ersten Mal machen. Jedes kleine Ziehen am Lenker wirkt sich sofort auf das Fahrverhalten aus und so schwenke ich auf den ersten Meter nach links und rechts als hätte ich gerade 10 Bier getrunken. Aber ja, es ist jedes Mal das gleiche wenn man mal wieder mit Chocolate ohne Gepäck unterwegs ist.


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Der Asphalt flitzt regelrecht unter mir hindurch und das, obwohl es gerade ziemlich steil aufwärts geht. Die Strasse ist umgeben von Holzhäusern, angemalt in den Farben Rot, Gelb oder Blau. Es ist, als gäbe es einen Farbcode resp. Regel für die Bemalung von Häusern hier im extremen Norden von Europa. Über mir kreischen die Möwen als wäre ich ein Fischschwarm auf dem offenen Meer und es würde mich auch überhaupt nicht wundern, wenn diese mich tatsächlich angreifen würden – habe ich in den letzten Tagen schon genug gesehen. Aber die Leute hier oben sind sich das anscheinend gewöhnt und verjagen die Möwen so wie die Peruaner das tun mit den streunenden Hunden welche dort überall auf der Lauer liegen und nicht nur „Gringos“ auf ihren Fahrrädern angreifen.
Die Strasse flacht nun etwas ab und ich sehe über den Hügel und die Häuser hinweg auf den dahinterliegenden Fjord welcher umgeben ist von schneebedeckten Bergen welche teilweise von tiefliegenden Wolken verdeckt werden. Weit in der Ferne regnet es relativ kräftig aus den Wolken, während direkt davor die Sonne durch ein Loch in der Wolkendecke scheint und somit das Meer goldig glitzern lässt. Ein kleiner Punkt fliegt knapp über das Wasser und nähert sich der Halbinsel auf welcher ich gerade unterwegs bin. Als der Punkt näher kommt, kann ich das Dröhnen der Propeller-Motoren hören und die kleinen Fenster auf der Seite reflektieren das Sonnenlicht direkt in meine Richtung. Die Maschine landet auf einem kleinen Silberstreifen, keine 3 Kilometer von mir entfernt. Der Silberstreifen ist auf meiner Karte mit einem kleinen Punkt versehen, denn er ist der Grund weswegen ich überhaupt mit einer unbepackten Chocolate unterwegs bin. In weniger als einer halben Stunde sollte dort nämlich ein weiterer kleiner Punkt ankommen, in welchem sich Ramona befindet. Ramona und ich lernten uns vor einem Jahr in Panama kennen als sie damals als Rucksackreisende Zentral- sowie Südamerika bereiste. Obwohl wir nur einen knappen Tag zusammen verbrachten da wir bereits am nächsten Tag beide mit verschiedenen Booten den Darien Gap nach Südamerika überquerten (hier nachzulesen), blieben wir die ganze Zeit über in Kontakt. Vor wenigen Monaten entschied sie sich, mich auf dem Weg zum Nordkapp mit dem Fahrrad zu begleiten – so here we are… 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, in der grössten Stadt im Norden von Norwegen: Tromsø.

9500 Kilometer später…

Vor dem Flughafengebäude, welches im Vergleich mit anderen internationalen Flughäfen eher wie einen kleinen Hangar aussieht, schliesse ich Chocolate an ein Geländer. Der Radweg führt hier tatsächlich von der Innenstadt bis direkt einen Meter vor die Schiebetür des Flughafens! Die Abflug- sowie auch die Ankunfts-Anzeige listet dutzende Flüge auf, was beachtlich ist für einen so kleinen Flughafen. Für einen Provinz-Flughafen, welcher eine Stadt mit gerade einmal gut 76’000 Einwohner bedient, ist hier einiges los! Ich beobachte die Leute welche zwischen Check-In-Schalter und Sicherheitskontrolle unterwegs sind und stelle fest, dass fast alle in irgendwelchen Hightech-Outdoor-Klamotten unterwegs sind. Und schnell wird mir klar, weshalb so viele Flieger diesen kleinen Flughafen anfliegen. Tromsø mag zwar klein sein, die Stadt ist aber ein beliebter Ausgangspunkt für diverse Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Klettern, Skitouren und so weiter. Die mit Fjorden durchpflügte Gegend hier im extremen Norden von Europa ist ein Paradies für Outdoor-Begeisterte!

Mit einem breiten Lächeln und einer riesigen Kartonschachtel kommt Ramona wenige Minuten nach meiner Ankunft durch die Schiebetür. Mich wundert es dass diese riesige Schachtel überhaupt in der kleinen Propeller-Maschine Platz gefunden hat. Nach über einem Jahr stehen wir uns nun also endlich wieder gegenüber – knapp 9500 Kilometer entfernt von dem Ort wo wir uns kennengelernt haben. Die Welt ist klein, besonders wenn man viel reist 😉
Schnell befreien wir ihr Fahrrad aus seinem Gefängnis in der Schachtel, schrauben alle Teile wieder zusammen und machen uns auf in die Innenstadt. Bereits am nächsten Tag geht es los, weiter nach Norden bis zum nördlichsten Punkt Europas.

Never-ending Sunset

Zum ersten Mal gemeinsam beladen wir am nächsten Tag unsere Räder und rollen hinaus aus Tromsø. Unsere Route führt entlang der Fjorden bis zu der Stadt Alta und weiter über eine ziemlich verlassene Strasse hoch zum Nordkapp.


Als wir über die Brücke raus aus der Stadt fahren, strahlt uns die Sonne von einem wolkenlosen Himmel entgegen. Die Wärme der Sonne auf der Haut fühlt sich super an, der kalte Wind jedoch erinnert uns wo wir uns befinden. Wenn man so weit im Norden unterwegs ist, ist das Wetter eigentlich immer ein bisschen extrem. Starke Winde und Temperaturen um den Gefrierpunkt sind hier auch im Hochsommer jederzeit möglich und wenn die Sonne scheint, dann tut sie das hier besonders lange. Denn über dem Polarkreis geht die Sonne im Sommer niemals unter – und im Winter bleiben die Tage dafür dunkel. Was schlägt mehr aufs Gemüt? Gemäss Statistiken erstaunlicherweise nicht die Dunkelheit sondern die ewige Sonne! Und als Radnomade kann ich das ein bisschen nachvollziehen, denn wenn die Sonne nie untergeht, ist es auch schwieriger einen geeigneten Campingplatz im Schatten zu finden. Und ohne Schlafmaske ist an Schlaf sowieso nicht zu denken – also zumindest bei mir nicht. Dafür benötigt man keine Taschenlampe, wenn man mal mitten in der Nacht aufs Klo muss…
Für die nächsten Tagen folgen wir der internationalen Radroute EuroVelo1, welche von Spanien bis hinauf ins Nordkapp führt. Die Strecke führt in Norwegen oft entlang weniger befahrenen Strassen und oft muss man Fjorde mit den Fähren überqueren. Wenn man hier oben mit dem Rad unterwegs ist, ist es so als würde man sich den ganzen Tag in einer Postkarte bewegen.

Auf der Strasse auf welcher ich vor wenigen Tagen in der Gegenrichtung nach Tromsø unterwegs war, fahren wir nun zurück in Richtung Osten. Wir verlassen diese Strasse am frühen Nachmittag und biegen auf eine weniger befahrene Strasse welche nun in nördliche Richtung führt. Die Strasse bleibt flach und links und rechts von uns erstrecken sich kleinere Wälder. Abends finden wir einen Campingplatz auf einer flachen Wiese direkt an einem grösseren Fluss. Es ist der erste Campingplatz von vielen, welcher perfekter nicht sein könnte. In den nächsten Tagen fallen wir relativ schnell in den wunderschönen Rad-Nomaden-Modus: Eat-Camp-Cycling… oder so 😉

Da es bereits Anfang August ist, verschwindet die Sonne für ein paar wenige Stunden in der Nacht jeweils hinter dem Horizont. Das heisst zwar nicht das es komplett dunkel wird in der Nacht, aber dass wir stundenlange Sonnenuntergänge geniessen dürfen.

Weiter nördlich wird die Gegend wieder hügeliger und wir müssen mehrere kleine Pässe überwinden um jeweils zum nächsten Fjord zu gelangen.

Aber jeder Uphill wird dafür mit einer Wahnsinns-Aussicht belohnt.

Den Kompass vervollständigen

Je weiter wir nach Norden kommen umso kahler wird auch die Gegend. Schnell sind die Bäume verschwunden und machen einer Pampa-ähnlichen Gegend Platz.

Nach mehreren Tagen radeln befinden wir uns nun weit nördlich von Alta, der letzten grösseren Ortschaft. Vor uns zieht sich die Strasse der Küste entlang zum Horizont. Das Wetter ist nochmals merklich kühler geworden und der Wind hat ebenfalls zugelegt – zu unserem Nachteil bläst dieser uns hauptsächlich auf die Nase. Dennoch sind wir topmotiviert, denn das Nordkapp befindet sich nur noch wenige Kilometer entfernt.

Ein windgeschützter Campingplatz zu finden wird aufgrund der fehlenden Bäumen fast unmöglich, dennoch finden wir meistens einen super schönen Schlafplatz wie z.B. dieser hier:

Während den Uphills über die letzten Hügel, werden wir von interessierten Blicken verfolgt. Nicht nur die Flora hat sich geändert, sondern auch die Fauna. Rentiere sind hier oben so zahlreich wie in der Schweiz die Kühen auf den Feldern.

Kurz vor unserem Ziel müssen wir noch einen fast 7 Kilometer Tunnel durchfahren welcher unter dem Meer entlangführt, und dann, am 11. August 2019 vervollständigen wir gemeinsam den letzten noch fehlenden Punkt auf meinem Kompass – Den nördlichsten Punkt der Reise, das Nordkapp.

Bärenfleisch und Rentier-Sushi

Die Strecke hier hoch war kein Spaziergang. Eiskaltes Wetter kombiniert mit starken Winden haben an unserer Energie gezerrt. Wir entscheiden uns mit dem Bus die ersten 100 Kilometer zurück in den Süden zurückzulegen, auch weil wir sonst die gleiche Strecke nochmals fahren müssten. Danach radeln wir mit den Fahrräder weiter bis wir nicht nur wieder von Bäumen umgeben sind, sondern auch die Grenze nach Finnland passieren.

Wir campieren an Seen welche von scheinbar endlosen Wäldern umgeben werden und geniessen die Nächte, welche nun endlich wieder komplett dunkel sind.

Wir erreichen ein Skiresort, in welchem wir aufgrund der Nebensaison zu einem günstigen Preis in einem Luxus-Resort unterkommen und sind dabei die absolut einzigsten Gäste. Jup, Sauna und Swimmingpool für uns alleine!
Die Auszeit von dem Fahrradfahren und der Kälte des Nordens tut gut und wir geniessen die Zeit länger als wie geplant. Aus einer geplanten Nacht werden zwei und so rennt uns schlussendlich die Zeit davon, denn Ramona muss schon bald ihren Flug von Oulu aus erwischen. Also finden wir uns kurz vor Mittag vor einer Busstation wieder. Jegliche Transportmittel ausser Fähren machen mit vollbepackten Rädern keinen Spass und oft ist eine lange Diskussion mit dem Fahrer nötig, bevor die Räder akzeptiert werden. Wir befinden uns aber in Finnland und profitieren so von der finnischen Gemütlichkeit. Bereits bevor der Bus vor uns zum Stillstand kommt, schenkt uns der Fahrer ein freundliches Lächeln und hilft sogar mit, die Räder einzuladen.
Mit dem Bus sparen wir uns die knapp 200 Kilometer, und somit auch 2-3 Tage Radfahren im Gegenwind, bis Rovaniemi, dem Weihnachtsdorf von Finnland welches sich direkt am Polarkreis befindet. In Rovaniemi werden wir von Lilian und Jaako begrüsst, bei welchen wir die nächsten Tagen wohnen können. Lilian ist die Tochter von meinem ehemaligen Arbeitskollegen, welcher sie sofort kontaktiert hat, nachdem ich die geplante Route vergangenen Mai online gestellt habe. Obwohl wir uns noch nie persönlich gesehen haben, haben sie uns direkt zu sich nach Hause eingeladen! Gemeinsam verbringen wir die nächsten Tagen, schauen uns Rovaniemi an und Jaako, welcher als Koch in einem russischen Restaurant tätig ist, verwöhnt uns mit lokalen Leckereien – unter anderem Rentier-Sushi und Bärenfleisch! Yummy!!

Viel zu schnell geht die Zeit vorbei und wir finden uns wieder an der Busstation von Rovaniemi. Nochmals verladen wir unsere Räder in einen Bus und fahren nach Oulu wo wir die letzten gemeinsamen Tagen noch in Ruhe ausklingen lassen. Und dann muss Ramona auch schon bereits ihren Flieger erwischen… um 6 Uhr morgens! Da so früh noch keine Busse zum Flughafen fahren und ein Taxi fast 100€ kostet, fahren wir bereits am Vorabend mit dem letzten Bus zum Flughafen. Ramona’s Fahrrad haben wir wieder in eine überdimensionale Kartonschachtel gepackt und so spielen wir die halbe Nacht lang „Bruce“ und trinken Pfefferminz-Vodka. Im Morgengrauen verabschieden wir uns und Ramona verschwindet hinter einer weiteren Schiebetüre. Die gemeinsame Zeit war richtig schön und nun wieder alleine unterwegs zu sein fühlt sich erst einmal etwas falsch an. Aber Finnland, seine Leute und auch das Wetter, welches sich nun von seiner besten Seite zeigt, helfen sehr.

Nach einer guten Woche Radfahren rollen meine Reifen über den smoothen Asphalt des Radweges hinein in die finnische Hauptstadt Helsinki. In der Stadt endet nicht nur die Strasse in Richtung Süden, sondern somit auch das Abenteuer Nordeuropa. Von hier aus geht es nun mit der Fähre über die Ostsee nach Osteuropa. Bis nach Hause sind es nur noch wenige Kilometer… doch zu dem kommen wir beim nächsten Mal!

Gefahrene Route

 
		

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