Fremdes Zuhause

Ich will nur die Fotos anschauen
900km/h! So schnell war ich ja schon seit Jahren nicht mehr unterwegs! Durch das Fenster kann ich die Spitze der Flügel sehen, welche in den blauen Himmel ragen und darunter das Weiss des schlechten Wetters. Wir wurden ganz schön durchgeschüttelt als vor kurzem das Flugzeug einen Teil vom Amazonas-Regenwald überquert hat. Die hohe Luftfeuchtigkeit und das zur Zeit herrschende Klima produzieren Gewitter quasi am Laufband. Aber immerhin wird so der Flug etwas interessanter.

Neben mir sitzt Carlo, welcher mit seiner kompletten Familie nach Mallorca an den Strand reist – nein, kein Witz! Er ist Argentinier, kommt aus der Nähe von Buenos Aires und hat seinen Kontinent noch nie verlassen. Und jetzt möchte er ausgerechnet nach Europa um den Ballermann zu sehen!? Ich habe ja noch am Anfang versucht ihm dies auszureden und doch lieber etwas anderes anschauen zu gehen… wenigstens Ibiza oder so. Aber da sind die Argentinier stur. Wenn sie sich mal etwas in den Kopf gesetzt haben, dann wird es auch so durchgezogen. Naja, wie auch immer, so konnte ich nun doch noch ein bisschen Spanisch reden, bevor unsere Räder in knapp 8 Stunden auf europäischen Boden aufsetzen werden und das Kapitel Südamerika nun endgültig abgeschlossen ist (die letzten Tagen in Südamerika hier).

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Ja ich bin ein wenig wehmütig und jedes Mal wenn ich die Augen schliesse sehe ich die unglaubliche Zeit, welche ich auf diesem Kontinent erleben durfte. Aber wie ist es so schön im Leben… Alles kommt, Alles geht! Und jetzt ist es Zeit für etwas Neues. Also eigentlich etwas Neues was gleichzeitig ja auch was Altes ist. Denn Europa hatten wir ja eigentlich schon mal so ganz am Anfang dieser Reise… vor ziemlich genau 3 Jahren! Mein Gott ist das schon lange her! Was sich wohl alles in dieser Zeit verändert hat? Wie ich mich wohl in dieser Zeit verändert habe? Komme ich überhaupt noch in der europäischen Gesellschaft klar? Naja wir werden sehen… zurzeit kann ich ja sowieso nichts anderes machen als wie dem Summen der Triebwerke zu lauschen – und dem Schnarchen von Carlos, welcher jetzt mit geschlossenen Augen aber dafür offenem Mund der Geräuschkulisse eine neue Facette gibt. Vielleicht träumt er ja von Mallorca.? Der Bildschirm vor mir sagt noch 7 Stunden und 43 Minuten bis zur Ankunft in London. Also auch für mich höchste Zeit noch etwas Schlaf zu bekommen. Ich könnte ja vom Nordkap träumen, denn da geht die Reise als nächstes hin. 

Ein weiter Kaffee

Draussen ist es noch stockdunkel als unser Flieger sanft auf dem Asphalt des London Gatwick Flughafen aufsetzt. Kein Wunder ist es noch dunkel, ist es doch erst 03:30 Uhr. Wer landet schon ein Flieger um diese Uhrzeit und wer ist um diese Uhrzeit bereits wach um auch alles zu entladen?
Dass die meisten Leute mitten aus dem Tiefschlaf geweckt wurden ist nur unschwer zu erkennen. Wie Zombies wandeln wir durch den Fingerdock in das Flughafen-Gebäude, immer den Tafeln zum Gepäckband folgend. Und tatsächlich scheinen schon Menschen um diese Uhrzeit zu arbeiten, denn nur wenige Minuten nach der Ankunft setzt sich das Band mit quietschenden Geräuschen in Bewegung und spukt ein Koffer nach dem anderen aus.

Ich liebe diese Szenen am Gepäckband, wo jeder gespannt auf die Öffnung im Boden kuckt wo die Koffer rauskommen und sich wohl jeder fragt in welchem Zustand sein Gepäckstück nun ist oder ob es überhaupt angekommen ist. Und die Koffer selbst erzählen eine Geschichte, vor allem aber die Rucksäcke von Backpackern. Vollgepackt mit Patches diverser Reisedestinationen, von Nationalparks, Grossstädten, schönen Stränden, irgendwelchen Dschungellodges oder einfach die Namen der Länder in welchen die Besitzer mit ihnen gewesen sind. Ich könnte wahrscheinlich tagelang einfach an den Gepäckbändern stehen und die Leute und ihr Gepäck beobachten. Flughafenmitarbeiter wiederum können wahrscheinlich nur anhand der Koffer und Rucksäcke sagen von wo der Flieger gerade gekommen ist (das wäre eigentlich mal eine Wette für „Wetten dass“…). Meine Tasche ist riesig und kommt als letzte aus dem Loch im Boden. Sie ist so riesig, weil alle kleinen Taschen sich darin befinden. Also alles von Camping über Küche bis Kleider – mein ganzes Hab und Gut. Chocolate wiederum kommt aufgrund ihrer Übergrösse einige Minuten später von einem anderen Gepäckband. Ich verlade alles auf einen Gepäckwagen, wobei Chocolate links und rechts über einen halben Meter hinausragt. So komme ich nicht aus dem Sicherheitsbereich hinaus, weswegen ein Security schlussendlich helfe muss alles mein Zeug durch die Schleusen zu bugsieren. 
Und dann bin ich auf einmal in Europa… also so richtig meine ich. Nicht nur weil hier alles auf Englisch angeschrieben ist und es auch nicht mehr so „südamerikanisch“ aussieht, sondern auch weil mir ein sehr bekanntes Gesicht mit einem riesigen Lächeln entgegenstrahlt. Eine sehr gute Freundin aus der Schweiz kam nämlich extra kurzerhand nach London um mich in Europa in Empfang zu nehmen – und auch weil sie meinte „man weiss ja nie wann man dich das nächste Mal wieder sieht. So nah warst du schon lange nicht mehr an der Schweiz“. Recht hat sie und ich fühle mich geehrt, dass sie extra wegen mir nach London flog, auch wenn sie zuhause mehr als genug zu tun hätte. Ja klimatechnisch gesehen war es wohl nicht das klügste und es tut mir echt leid Greta 😉 
Wir umarmen uns und gehen erstmal auf einen Kaffee (bin ja noch immer im Zombie-Modus). Ihr Flieger geht bereits ein paar Stunden später zurück nach London und so nutzen wir die Zeit ausgiebig um uns über die letzten Jahren auszutauschen… und nein, dafür reichen die knapp 2 Stunden die wir haben bei langem nicht. Aber es macht nichts, denn der Moment zählt und der ist einfach wahnsinnig schön. So vergeht die Zeit wie im Flug, bevor sie dann tatsächlich ihren Flug erwischen muss. Wir verabschieden uns und ich schiebe Chocolate und mein Gepäck auf dem Wagen hinaus in die kühle Morgenluft.

Alles beim Alten und trotzdem wieder Neu

Mittlerweile strahlt die Sonne von dem fast wolkenlosen Himmel hinab und der Flughafen ist erwacht zum Leben. Zwischen Männern in Anzügen welche von Gate zu Gate hetzen, baue ich Chocolate wieder zusammen und mache mich auf hinaus in Richtung Innenstadt. Als das Flughafengelände hinter mir verschwindet, kann ich endlich mal frei durchatmen und der Kerosingeruch macht einem Geruch Platz, welchen ich schon viel zu lange nicht mehr gerochen habe… Europa! Kein Witz, aber ich finde jeder Kontinent hat seinen eigenen Geruch. Europa beispielsweise duftet nach Hecken und Laub, gemischt mit Regen auf Asphalt. Es ist eine wahre Geschmacksexplosion und obwohl ich noch immer knapp 1000 Kilometer von der Schweiz entfernt bin, fühle ich mich schlagartig wieder wie Zuhause.
Und ab hier beginnt dann quasi wieder die Eingliederung in die europäische Gesellschaft… Auf Radwegen (unglaublich, Radwege!) gelange ich in die Innenstadt von London. An jeder Ampel muss ich mich zwingen auch anzuhalten, denn in Südamerika oder Asien waren diese Signale eher so etwas wie Vorschläge. Die Leute schauen mich verwundert aber freundlich an, jedoch spricht niemand mit mir… nicht so wie es in Südamerika.
Mittlerweile ist es kurz vor Mittag und mein Bauch merkt dies trotz des Jetlags. Die Preise in den Restaurants bringen meinen Magen allerdings wieder schnell zum verstummen. Willkommen zurück in Europa! Im örtlichen Aldi (der erste seit knapp 2 Jahren!) kaufe ich mir ein meinem Budget entsprechendes Mittagessen. Die Auswahl im Aldi erschlägt mich beinahe… volle Regale mit allen möglichen Produkten und einen riesengrossen Stand mit Gemüsen und Früchten aus aller Welt. Fasziniert von einem europäischen Supermarkt laufe ich wie gesteuert durch die Regale und bin von der Auswahl völlig überfordert. Immer wieder frage ich mich „wer kauft das denn alles?“ und habe gleichzeitig hunderte Ideen was ich damit auf meinem Benzinkocher alles zaubern könnte. Trotzdem bleibt ein bitterer Nachgeschmack, denn dass bei einer so grossen Auswahl auch vieles im Mülleimer landet ist offensichtlich. Und nach der Zeit in Südamerika weiss ich, man braucht gar nicht so viel. Eigentlich viel weniger und trotzdem hat man alles. In Bolivien war ich beispielsweise der glücklichste Mensch, als ich in einem kleinen Dorf in der Wüste eine nur halbverfaulte Zwiebel fand – welche dann aber für 5 Tage reichen musste. Und hier gibt es Zwiebeln nur im Kilo-Pack! Klar ist es schön ein bisschen Auswahl zu haben, aber auf welche Kosten? Und wir sprechen hier „nur“ von Aldi und nicht von einem riesengrossen Supermarkt. Diese Erfahrung muss ich wohl auch bald noch machen. Aber jetzt fahre ich erst mal zu meinem Warmshowers-Host David. Noch in Buenos Aires hat er mir eine Nachricht geschickt und mich zu ihm nach Hause eingeladen. Mit offenen Armen begrüsst er mich und zeigt mir sein Haus und mein Schlafzimmer. Ein Schlafzimmer mit eigenem Bad! Wie cool ist das denn!? Es ist nach so langer Zeit nur im Zelt oder wirklich miesen Hostels und Hotels ein wahrer Traum und genau das richtige um nach einem Langstreckenflug zu entspannen. Aus der Dusche kommt warmes Wasser, welches auch warm bleibt und das noch mit einem anständigen Wasserdruck. Unglaublich! Aber das grösste Highlight befindet sich direkt daneben… oder eben nicht, denn es gibt keinen Mülleimer für das Toilettenpapier! Man kann das Toilettenpapier in die Toilette schmeissen! Ich weiss, das ist für euch hier wahrscheinlich alles komplett normal, aber nicht für jemanden der nach über 1.5 Jahren in Lateinamerika zurück nach Europa kommt. Es sind quasi wie die „ersten Male“ nur dass man diese eigentlich alle schon mal hatte. 

Und dann?

Und dann könnte ich ja noch von den nächsten Wochen in Europa erzählen… Wie ich zum Beispiel auf den besten Radwegen in den Niederlanden unterwegs war, meine Mutter nach 3 Jahren auf Reise das erste Mal wiedersah oder von all den anderen „ersten Malen“ welche auf die oben beschriebenen folgten. Oder aber auch wie ich im europäischen Alltag jeden Tag strauchelte, weil alles irgendwie zu viel oder zu fremd war, wie ich von aggressiven Autofahrern mehrmals fast überfahren wurde weil sie keine Sekunde warten konnten um an mir vorbeizufahren oder von Fussgängern welche mich anschrien und Mittelfingern zeigten weil ich mal wieder gegen eines von den unzähligen Gesetzen in Europa verstiess (sorry aber wie kann man bei so vielen Gesetzen überhaupt etwas richtig machen??). Ganz ehrlich, Europa ist mir bis heute noch immer fremd und oft wünsche ich mich zurück in die weiten Wüsten Boliviens oder Argentiniens, oder aber auch zu den lächelnden Menschen in Asien wo Probleme anscheinend nicht existieren oder man damit anders umgeht als wie hier. Und manchmal ist es so schlimm, dass ich bereits nach Flügen suche – egal wo hin, Hauptsache hier raus. Aber das werde ich nicht machen, denn ich kam aus diesem „Rat Race“ raus und ich kann es auch wieder zurück hinein schaffen – wenn ich es dann auch möchte. Es ist ein Privileg das Rat Race von aussen betrachten zu können und etwas anderes als wie dieses zu kennen. Die Reise heisst nicht umsonst „i’m out!“ und sie wird bestimmt dort enden wo sie vor über 3 Jahren begonnen hat. Nur kann ich zurzeit echt nicht sagen, wie lange ich auch dann auch dort bleiben werde. Naja vielleicht ist es auch der Schock der zurzeit noch aus mir spricht und vielleicht wird es von nun an jede Woche besser. Schliesslich geht es jetzt nach Skandinavien wo es wieder mehr unbewohnte Gegenden gibt und vielleicht hilft dies ja um nochmals langsam in Europa anzukommen.
Wie auch immer, ich bin zurzeit in Kopenhagen und habe schon wieder knappe 2000 Kilometer mehr auf dem Tacho. Wie es genau war bis hierhin zu fahren, kommt dann in einem anderen Blogpost!

Fotos aus Nordeuropa

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