
7 Gründe für eine Radreise
4. Juni 2017
Alles kommt, alles geht
2. Juli 2017Heute kann es entweder einen richtig guten oder aber einen echt beschissenen Tag geben. Denn heute heisst es nach etwas mehr als 6 Monaten mal wieder «please prepare for takeoff». Mit Air China geht es von Kuala Lumpur nach Vancouver und bei jedem Flug steigt die Anspannung wie der CheckIn mit dem Fahrrad ablaufen wird. Fliegen mit einem Fahrrad ist nicht einfach… nehmt lieber zwei Kleinkinder mit und spart euch dafür die Nerven während dem CheckIn.
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Kuala Lumpur war meine letzte Station in Südostasien und ich erreichte die malaysische Hauptstadt drei Tage nachdem ich in den Cameron Highlands losgefahren bin. Jonathan, ein Radreisender von Kanada welchen ich in Thailand kennengelernt habe und mittlerweile sesshaft in Kuala Lumpur wurde, bietet mir während einer Woche einen Platz auf seiner Couch an – inklusive Infinity Pool auf dem Dach und Klimaanlage in allen Räumen. Was für ein Luxus nach Wochen im schwülwarmen Dschungel!
Nach sieben Tagen Sightseeing und Equipment waschen studiere ich nochmals ein letztes Mal die Gepäckbedingungen von Air China und mache mich endgültig auf den Weg in Richtung Flughafen. Ausnahmsweise mal ohne Fahrrad, denn total verschwitzt einen Langstreckenflug zu machen ist mehr als nur ungemütlich. Die gesamte Reise wird fast 30 Stunden dauern, Dank der Datumsgrenze komme ich aber bereits nach knappen 12 Stunden in Vancouver an – klingt verwirrend, ist es auch. Unglaublich aber wahr, der CheckIn verläuft problemlos und da alles innerhalb der zulässigen Gewichtsgrenze liegt, muss nicht mal draufbezahlt werden. Um dies zu erreichen musste ich sehr viele Klamotten sowie nicht mehr benötigtes Equipment in Malaysia lassen. Mit spürbar ruhigerem Puls boarde ich kurz vor Mitternacht den bereits in die Jahre gekommenen Flieger der Air China. Draussen am Fenster verschwinden die Lichter von Kuala Lumpur unter der dicken Wolkendecke welche üblich ist um diese Jahreszeit, und somit enden 11 Monate Radfahren in Asien. Dort wo ich in 30 Stunden landen werde gibt es kein feilschen mehr, keinen chaotischen Strassenverkehr, keine Hotelzimmer ab 3 Dollar, keine 35 Grad im Durchschnitt, keine diebische Affen am Strassenrand, keine vermüllten Städte und keine Palmen mehr. Ja Asien, du wirst mir echt fehlen – teilweise!
Hallo Radstreifen
Extrem gerädert (aber noch ohne Rad (haha was für ein lustiges Wortspiel 😉)) betrete ich den amerikanischen Kontinent in dem kleinen übersichtlichen Flughafen von Vancouver. Die Dame Nr. 1 von der Passkontrolle bringt mich mit der Frage «why canada?» gleich mal ins stottern, denn ehrlich gesagt war nur der Flugpreis ausschlaggebend, während Dame Nr.2 mich mit ihrem Lächeln um den Verstand bringt. Wären die Damen in umgekehrter Reihenfolge platziert gewesen, so wäre die Frage «why canada» einfacher zu beantworten gewesen – «because of her!».
Leider muss ich sogleich feststellen, dass nicht nur ich gerädert bin, sondern auch mein Rad (die Wortspiele werden immer besser), denn beide Räder inkl. Bremsscheiben haben neu einen Seitenschlag (im Volksmund auch bekannt als «achti») und der Rahmen weist einen hässlichen Lackschaden auf. Die Schäden sind aber nicht so schlimm, damit ich nicht mehr fahren könnte und so verlasse ich das Flughafengebäude auf der linken Strassenseite… weil man dies in Malaysia und Thailand so macht, und ich mich nicht mehr an den Rechtsverkehr gewöhnt bin. Überall finde ich sogleich neue Freunde welche mir zu hupen oder sogar das Fernlicht einschalten – ach wie schön ist es doch ein Geisterfahrer zu sein! Die erste Station auf dem neuen Kontinent liegt inmitten von Richmond, denn dort wohnt mein Warmshower-Host Willi und seine Frau Ruth. Willi ist vor vielen vielen Jahren von Dicken (Geographie Kenntnisse nötig, wer weiss wo das liegt?) nach Kanada gezogen und so kann ich nicht nur mal wieder etwas Schweizerdeutsch reden, sondern erhalte auch noch den besten Start in das neue Abenteuer – merci vielmol nochmals an dieser Stelle.
Zwei Tage später ziehe ich um, denn einer meiner besten Kollegen ist mit seiner Frau auf Hochzeitsreise in Kanada unterwegs und wie es das Schicksal so will, genau befinden sie sich zur genau gleichen Zeit in Vancouver. Zusammen verbringen wir eine wunderbare Zeit und geniessen zusammen das Sightseeing und auch das Radfahren kommt nicht zu kurz, denn Vancouver hat ein perfekt ausgebautes Radweg-Netz. Total ungewohnt mal wieder ungestört durch die Stadt düsen zu können, ohne 100 Tode zu durchleben oder vom Abgas der Autos gequält zu werden. Radstreifen sind halt eben schon eine super Erfindung – gäll Asien (hmmmm).
Don’t feed the bears
Nach einer Woche in Vancouver geht es dann endlich los auf die Strassen welche mir die Welt bedeuten. Durch ein Land welches eigentlich doch sowieso aussieht wie die Schweiz – oder doch nicht? Wir werden es sehen!
Mit warmer Bekleidung in den Radtaschen und einem Pfefferspray gegen Bären bewaffnet fahre ich über die Hängebrücke rüber nach Nord-Vancouver. Das Wetter spielt heute nur so mässig mit, und so ziehen dicke Wolken in Richtung Westen, von welchen aber glücklicherweise keinen Tropfen Regen fällt. Das ausgebaute Radwege-Netz begleitet mich bis zur Stadtgrenze, wo es dann auf den Highway 99 einzweigt und man auf dem Pannenstreifen weiterfahren muss. Dieser Highway verbindet Vancouver mit Whistler, dem wohl bekanntesten Wintersportort der Welt, und seine Nummer kommt anscheinend nicht von ungefähr – die sind doch nicht mehr ganz hundert, was die hier alles durch die Gegend fahren. Amerika, alles grösser und fetter passt anscheinend auch zu Kanada, denn in diesen Wohnmobilen könnte man locker eine ganze Fussballmannschaft unterbringen.
Rechts von mir erstreckt sich ein endlos scheinender Wald über eine Bergkette, während links davon das Meer in der Sonne glitzert. Die Landschaft könnte schöner nicht sein und nein, es sieht ganz und gar nicht nach der Schweiz aus. Je weiter sich der Highway Richtung Norden zieht, umso weiter geht es weg von der Zivilisation. Als nach 40 Kilometer zum ersten mal ein Schild auftaucht welches vor den Bären warnt, muss ich zuerst lachen bevor es mir dann doch etwas mulmig wird. «Don’t feed the bears» steht da in grossen Buchstaben geschrieben und ich stelle mir das in etwa wie ein Drive-Through-Streichelzoo vor in welchem die Leute vom Auto aus mit Popcorn die wilden Tiere füttern. Wer macht schon so etwas? 😉
Abgesehen von der Landschaft gibt es in Kanada noch etwas anderes ganz schönes – tausende von Campingplätzen! Mit warmer Dusche, WLAN, flacher Wiese, Restaurants und das Beste, alles bärensicher. Leider ist auch der Preis bärensicher, nämlich bärensicher dass ich hier nicht schlafen werde/kann, und so lande ich kurz vor Anbruch der Dunkelheit in einem öffentlichen Park, welcher natürlich nicht bärensicher ist aber dafür gratis. Gut geplant ist hier halb gewonnen (oder besser gesagt überlebt), denn alles Essen und alle Kochutensilien befinden sich in einer Tasche, welche ich nun mit einem Seil in die Bäume hänge. Obwohl es viele Bären gibt, ist man doch relativ sicher solange man kein Essen im Zelt lagert. Mit diesem Wissen im Hinterkopf versuche ich einzuschlafen und eine ruhige Nacht zu finden. Ich wache gleich gerädert auf wie nach einem 30-stündigen Flug von Kuala Lumpur nach Vancouver.
Across Canada, oder?
Was haben (fast) alle Wintersportgebiet gemeinsam? Genau, sie liegen in den Bergen und somit ist am nächsten Tag erstmal klettern angesagt. Das Meer zu meiner linken verschwindet und macht mächtigen Felsformationen, Wasserfällen und Seen Platz. Ein so schönes Panorama dass ich manchmal am liebsten einfach anhalten würde um vor Freude zu Weinen – aber das würde sich dann nur mit dem Schweiss vermischen und eklige Spuren auf dem T-Shirt hinterlassen. So bleibe ich nicht stehen und erreiche mit einem durchschnittlichen Schweissfleck gegen den Mittag Whistler (och es ist so schön mal wieder in «normalen» Temperaturen unterwegs zu sein. Fahrräder sind in Whistler allgegenwärtig, allerdings aber nur mit mind. 20 Centimeter Federweg und 2.5 Zoll breiten Reifen. Chocolate wirkt hier so fehl am Platz wie ein Zahnarzt in einer Schokoladenfabrik, obwohl sie auch ein Fahrrad ist. Dafür ist das Aufsehen grösser und schnell lerne ich Einheimische kennen, welche sich nach meiner Reiseroute informieren. Die erste Frage ist dabei immer «are you cycling across canada?». Es scheint als würden ziemlich viele das Land von Westen nach Osten durchqueren und nicht wie ich von Kanada nach Argentinien…komisch.
Abends erreiche ich einen idyllischen See weiter unten im Tal und schlage das Zelt direkt am Ufer auf – trotz Camping-Verbot. Ein kleiner Junge fährt mir auf seinem Rad entgegen und will ebenfalls wissen wo ich hinfahre. Wo genau dieses Buenos Aires liegt weiss er (noch) nicht und so hält sich seine Bewunderung in Grenzen. Dafür möchte er nun wissen welches die besten Orte fürs Radfahren in Kanada sind. Tadaaa, ich fühle mich schon fast wie ein Einheimischer. Seine Mutter trifft wenig später ebenfalls vor Ort ein und an ihrem Blick kann ich erkennen, dass sie weiss wo dieses Buenos Aires liegt. Der kleine Junge wird es ebenfalls bald erfahren, denn sie möchte es ihm zuhause auf der Karte zeigen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit (das ist hier übrigens so um ca. 21:45, und somit fast 4 Stunden später als wie in Südostasien (wie geil)), gehört der See dann nur noch mir und ich geniesse die Stimmung draussen auf dem Steg (hier kommt auch bestimmt kein Bär hin). Morgen geht’s weiter «cycling across canada», oder zumindest eine kleine Runde in diesem riesen Land.
Bei 12% beginnt der Spass
Um von Pemberton nach Lilloet zu kommen, benötigt man ein ausgiebiges Frühstück. So zumindest der Tipp einer Einheimischen welche ich gestern Abend noch kennenlernte. Steile Strasse, hoher Pass und zu allem Übel auch noch schlechtes Wetter. Also erstmal den Kocher auspacken und einen riesigen Topf Rühreier machen sowie einen ganzen Liter Kaffee. Die Strasse ist am Anfang noch ziemlich zahm und führt durch ein flaches Tal vorbei an Seen, Flüssen und Farmen. Schilder weisen auf ein bevorstehendes Rodeo-Turnier hin und auch sonst erinnert mich die Gegend eher an den Wilden Westen als wie an Kanada.
Die Strasse macht schlussendlich eine kleine Linkskurve, macht einen Knicks und führt dann direkt in den Himmel hinein. Sieht zumindest so aus, denn so steil wie diese Strasse ist, müsste ich in maximal 20 Kilometer den Mond erreichen. Dass dabei die Kanadier noch Schilder mit der Aufschrift «slow» aufgestellt haben, beweist mal wieder ihren Sinn für Humor. Weder ich noch die überladenen Wohnmobile können hier wohl zu schnell fahren. Was mich allerdings noch mehr verwundert, sind die sogenannten «Runaway Lanes», welche alle paar Kilometer von der Hauptstrasse wegführen. Bisher hatte ich echt Schiss vor den Bären, aber nun weiss ich wenigstens wo ich durchrennen muss falls einer mich verfolgt 😉
Leichter Nieselregen begleitet mich auf dem Weg nach oben und alle paar Hundert Höhenmeter sinkt die Temperatur um einige Grad. Als der Radcomputer noch 7.5 Grad anzeigt ist es fertig mit lustig, und ich entscheide, dass nun genug Höhenmeter gefahren wurden. Der Berg ist zum Glück gleicher Meinung und bestätigt meinen Entscheid mit der Passhöhe (keine Ahnung wie hoch). Vor mir erstreckt sich mal wieder ein Panorama welches seines Gleichen suchen kann. Schneebedeckte Berge, massive Felswände, endlose Wälder und in der Weite glitzert ein Bergsee. Hört sich an wie die Schweiz, ist aber bigger und better und somit Kanada. Da die Passstrasse auf der anderen Seite eher flach zurück ins Tal geht und auch einige Gegenansteigungen darunter sind, erstreckt sich der Downhill auf fast 60 Kilometer. Als ich gegen 20:00 Uhr endlich in dem erstaunlich kleinen Dorf Lilloet ankomme, bin ich total ausgelaugt und habe einen riesen Kohldampf auf Fastfood – schlussendlich lande ich in einem japanischen Restaurant welches aussen aber mit «Western Food» angeschrieben war. Toll, es gibt Suppe!! Als hätte ich das im letzten Jahr nicht schon zu genüge gehabt. Auf der Karte entdecke ich ein Fastfood-Restaurant und wechsle schneller die Location, als wie der Koche sein Sushi gerollt hat. Das Abendessen übersteigt leider etwas mein Tagesbudget, weswegen wildzelten wohl wieder zur Pflicht wird. Allerdings ist dies in diesem Dorf unmöglich da überall entweder Häuser oder Berge stehen. Kurz vor der kompletten Dunkelheit lande ich auf dem örtlichen Campingplatz und stelle mich auf einen völlig überrissenen Preis für ein Stück Wiese ein. Die freundliche Dame von der Rezeption steht draussen vor ihrem Wohnmobil und empfängt mich mit den üblichen Worten «Hi, how are you doing?». Eigentlich antwortet man nur «gut, danke, und dir» da ich aber total müde bin, antworte ich ihr entsprechend anders. Dies zeigt Wirkung, denn sofort deutet sie in die Richtung der Duschen und des Zeltplatzes hin mit den Worten «for free, it’s late». Vielen Dank Kanada!
Gegensturm
Von Lilloet bis fast zur amerikanischen Grenze kann ich nun dem Frazer Canyon folgen, welcher früher eine Pilgerstätte für Goldsucher war. Diese haben auf wenigen Kilometern und innerhalb weniger Monaten über eine Tonne Gold gefunden! Da erübrigt sich auch die weitere Suche, denn die haben bestimmt nichts übrig gelassen. Die Strecke bleibt aber auch so interessant, denn landschaftlich gesehen ist sie ein weiteres Highlight. Steile Felswände lassen der Strasse nur wenig Platz während unten im Tal der Frazer River seinen Weg in Richtung Süden bahnt. Dass die Strasse dabei teilweise noch vierspurig ausgebaut wurde und zwei Bahnlinien Platz finden, grenzt schon fast an ein Meisterwerk.
Die Strasse durch den Frazer Canyon geht kontinuierlich etwas abwärts und eigentlich müsste man hier Geschwindigkeitsrekorde aufstellen können. Eigentlich, denn der Wind bläst aus der komplett falschen Richtung und das mit einer Stärke, dass ich sogar mit treten nur auf knappe 15km/h komme. Gegenwind ist das schlimmste was einem beim Radfahren passieren kann. Alles andere lässt sich planen oder umgehen, aber Gegenwind ist einfach da. Verpuffte Energie… für nix! Nichts davon bekommst du wieder zurück und am Abend wenn du im Zelt liegst, rüttelt der Wind an deinem Schlafzimmer als würde er dich auslachen. Mein Limit liegt bei zwei Tagen Gegenwind. Wenn es dann nicht besser wird ist Autostopp angesagt.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreiche ich ein Indianer Reservoir mit einer stillgelegten Tankstelle. Einen optimalen Ort um das Zelt aufzubauen und etwas zu kochen (natürlich mit genügend Abstand zu den ehemaligen Zapfsäulen. Man kann nie wissen). Bis auf einen Totempfahl ist nichts von den Indianern zu erkennen, und auch die Einheimischen sehen nicht wirklich anders aus als wie die anderen Kanadier die ich bisher angetroffen habe. Schade eigentlich.
Da sich der Wind über Nacht etwas beruhigt hat, geht es am nächsten Morgen schneller vorwärts. Allerdings ist es saukalt und ohne dicke Wollmütze geht gar nichts. Natürlich hat normalerweise jemand der direkt von den Tropen kommt keine Wollmütze im Gepäck, aber ja zum Glück nur normalerweise, denn da es Abends im Zelt ganz schön langweilig werden kann, stricke ich ab und zu. Und so habe ich noch kurz eine Kappe fertig gestrickt vor der Abfahrt in Vancouver – ich könnte gerade nicht glücklicher sein!
Circa 20 Meter unter mir höre ich das Schnauben der Dieselmotoren von den überdimensional grossen Loks, welche in einer überdimensional langer Formation verkehren. Die komplette Länge lässt sich nur erahnen, denn die vielen Kurven und Tunnels erlauben keine Weitsicht im Frazer Canyon.
Aus einem vorbeifahrenden Auto schreit eine Frau «keep going» und ich denke mir nur, «habe ich denn eine Wahl?». Noch ungefähr 20’000 Kilometer bis Buenos Aires, ich schaue kurz auf die Karte, richte den inneren Kompass und trete fester in die Pedalen. Ab auf die letzten Kilometer in Kanada – Argentinien ich komme!!
Gefahrene Route: