Unterwegs zuhause

„Todo plano“ hat er gesagt. Der etwas ältere Mann mit der typischen bolivianischen Wollmütze und den komplett ausgelatschten Schuhen, hergestellt aus alten Reifen. Jedes Mal wenn er lächelte, konnte ich die Sonne in seinen schiefen Goldzähnen reflektieren sehen – und er lächelte oft, denn wer ist schon so blöde und möchte tatsächlich entlang den alten Schienen in die Wüste radeln? Naja der Gringo der direkt vor ihm steht – mit einem schwer bepackten orangen Fahrrad und fast 10 Liter Wasser auf dem Gepäckträger.

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Ich befinde mich am Stadtrand von Uyuni, einer Stadt in Bolivien, welche eigentlich nur aufgrund ihrer geografischen Lage überhaupt existiert. Uyuni war früher einer der wichtigsten Drehpunkte der bolivianischen Eisenbahn. Jedoch sind diese Zeiten schon lange vorbei, und nur noch wenige Züge durchqueren den Ort auf ihrer Reise von Chile ins bolivianische Hinterland – meistens Züge welche Materialien aus den umliegenden Minen transportieren.
Heute verdient Uyuni sein Geld mit den Touristen, den die Stadt liegt direkt an den grössten Salzpfannen der Welt, ein Ort, welcher so unglaublich schön und beeindruckend ist, dass nun Menschen aus aller Welt hierher reisen siehe Blogpost „Zwischen Sand und Salz“. Die meisten gehen von hier aus auf eine Tour, welche vorerst bei den Überbleibseln der damals blühenden Eisenbahn-Zeit stehenbleiben, dem Zug-Friedhof. Hier stapeln sich nun alte Dampflokomotiven in der brennenden Altiplano-Sonne und jede Ecke bietet ein noch besseres Fotomotiv.

Todo plano

Die Bahnschienen auf welche ich den Mann angesprochen habe führen direkt an diesem Ort vorbei. Und er hatte recht! Es ist wirklich alles „todo plano“… hier auf dem Altiplano gibt es praktisch keine einzige Erhebung. Man kann tatsächlich 80km zurücklegen und dabei weniger als 10 Meter Steigung machen. 
Die Bahnschienen vor mir führen schnurgerade in Richtung Horizont, bis sie im flimmern der Mittagssonne verschwinden. Wir sind relativ spät gestartet, da noch diverse Lebensmittel besorgt werden mussten. In den kleinen Dörfern auf der geplanten Strecke ist oft kein einziger Laden vorhanden, und wenn doch, dann sind selbst einfache Dinge wie z.B. eine Zwiebel nur sehr schwer zu finden. Aber nun  sind wir unterwegs und der Track auf welchem Massi und ich fahren führt jeweils entweder links oder rechts der Bahnschienen entlang auf einem relativ harten Mix aus Erde und Salz. Rechts von uns befindet sich die Salar de Uyuni, die grösste Salzpfanne der Welt, allerdings können wir davon nichts sehen. Nur ein Flimmern am Boden, was aussieht als wäre ein unendliches Meer da draussen. Das gleiche Bild bietet sich auch auf unserer linker Seite, wobei dort wenigstens weit weg ein paar Berge erkennbar sind, teilweise mit einer schneebedeckten Spitze. Das einzige Indiz für menschliches Leben hier draussen sind die Bahnschienen und gleichzeitig für uns auch die einzige Richtungsangabe. Es ist ein etwas anderer „Radweg“ und auch die absolute Freiheit

Früh am Morgen klettere ich verschlafen aus dem Zelt in die eiskalte Luft. Wir befinden uns hier zwar im Tropengürtel, jedoch auf 4000 Meter über Meer. Es ist noch stockdunkel und nur die ersten dunkelblauen Farbtöne am Himmel kündigen den bevorstehende Sonnenaufgang an. Wir müssen aber so früh starten, denn der starke Wind am Nachmittag macht ein Weiterkommen auf dem Fahrrad fast unmöglich. 

Mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen auf dem Rücken fahren wir zwei Stunden später über eine weitere scheinbar endlose flache Ebene. Praktisch lautlos rollen die Räder über die harte Erde, bei welcher die ersten 3-4 Millimeter etwas weich sind. So entstehen zwar Radspuren, aber der Rollwiderstand ist praktisch gleich wie auf einer harten Asphalt-Strasse. Wir fliegen förmlich durch diese unwirkliche Gegend. Weit in der Ferne erheben sich Berge welche alle weit über 5000 Meter hoch sind. Die beigen Bergflanken erhalten mit den ersten aufsteigenden Wolken eine Art Camouflage-Struktur, welche mit der weissen schneebedeckten Spitze beendet wird während sich dahinter der dunkelblaue Himmel erstreckt.


Wir erreichen die ersten Ausläufer der Berge kurz vor Mittag und müssen somit die flachen Ebenen, welchen wir in den letzten beiden Tagen gefolgt sind, verlassen. Von hier an wird es wieder harte Arbeit, den der Weg wechselt sich nun ab zwischen grossen Steinen und tiefem Sand. Dazu kommen teilweise noch steile Anstiege, welche ein Weiterfahren unmöglich machen – schieben!
Nach wenigen Metern verliere ich bereits Massi und fahre alleine in Richtung erstem Pass. Dahinter befindet sich die Hauptverbindungsstrasse zwischen Chile und Bolivien – nicht das diese asphaltiert wäre, aber wenigstens bestimmt fahrbar. Rechtzeitig zum „Znüni“ erreiche ich den Mirador, von welchem aus man die erstarrte Lava von dem nahe gelegenen Vulkan Ollagüe bewundern kann. Dies ist ein weiterer Stop auf der „Laguna Route“, bei welcher Touristen in 4×4 Fahrzeugen von Uyuni nach Chile gebracht werden. Wir folgen dieser Route, obwohl es eigentlich bereits für die Jeeps eine echte Herausforderung ist, die Strecke zu meistern. Ganze drei Stunden nach meiner Ankunft beim Mirador erreicht auch Massi diesen. Wir campen direkt zwischen den Lava-Formationen, aber nicht ohne vorher dieses Foto zu machen:

Auf zu den Lagunen

Mit 40’000 Kilometer auf dem Tacho und topmotiviert fahren wir am nächsten Tag dem Sonnenaufgang entgegen. Kurz nach dem Mirador biegt die „Laguna-Route“ von der Hauptstrasse ab auf einen steinigen Feldweg. Massi’s vollbeladener Trailer bricht schon nach wenigen Metern und so muss er auf ein 4×4 Jeep umsteigen, welcher seine Sachen zurück zum Mirador bringt wo er den Trailer schweissen lassen kann. Ich folge dem Pfad weiter nach Süden, welcher mit jedem Meter noch sandiger wird.
Eigentlich müsste man ja umkehren und dieses Gebiet den 4×4 Jeeps überlassen, jedoch ändert sich die Landschaft sowas von ins Spektakuläre, dass sich die Mühe lohnen.

Ich warte an diesem Tag über 5 Stunden bis Massi endlich am anderen Ende der Lagune auftaucht. Er konnte seinen Anhänger nicht reparieren, jedoch mit Draht, Kabelbinder und anderem vorerst wieder fahrbar machen. Der Wind ist mittlerweile zu stark um noch weitere Kilometer zurücklegen zu können und so beziehen wir zwei Betten im Dormitory, welches das Hotel speziell für die vielen Radfahrer bereitstellt (unglaublich dass sich so viele Leute diese Strapazen antun…). 

Die Strecke führt von hier aus von einer Lagune zur nächsten. Auf jeder sind unzählige Flamingos unterwegs und jede ist umgeben von Wüste und schneebedeckten Bergen. Radfahren hier: einfach unglaublich

Auch heute verliere ich wieder Massi und muss beim nächsten Hotel wieder fast 3 Stunden auf ihn warten. So macht der jeweils frühe Start nur wenig Sinn, denn durch die Warterei schaffen wir so nur knapp 20 Kilometer pro Tag. Und ich muss mindestens das doppelte machen, da mir ansonsten das Essen ausgeht. Also verabschiede ich mich von Massi und mache mich alleine zurück auf die sandigen Pfade. 
Kurz nach dem Hotel wird aus dem einen Pfad einen zweiten, und aus diesem einen dritten, dann einen vierten und so weiter, bis ich umgeben bin von unzähligen Pfaden. Die einen sind besser, die anderen wiederum schlechter. Eines haben alle gemeinsam: sie sind unfahrbar. Im starken Gegenwind schiebe ich mein Fahrrad durch den tiefen weichen Sand… stundenlang. 

Weit weg am Horizont zeichnet sich eine Felsformation ab, den angepeilten Schlafplatz für heute Abend. Kurz vor der Dämmerung erreiche ich diesen völlig erschöpft und mit den Schuhen voll Sand.

Unterwegs zuhause

Manchmal gibt es Situationen, in welche ich denke, dass eine Rückkehr nach Hause eines Tages sehr schwierig werden wird. Und gerade ist mal wieder eine Situation wie diese. Eigentlich wollte ich ja nur kurz raus um aufs Klo zu gehen, als ich jedoch den Reissverschluss von dem Aussenzelt öffnete, strahlten mir so viele Sterne entgegen, dass ich nun hier draussen am Sternschnuppen zählen bin. Es sind viele… so circa. 23 pro Minute! Und es ist absolut nichts zu hören. Keine Fahrzeuge, kein Hundegebell, keine Moskitos, gar nichts… Ich sitze hier weit draussen in der Wüste in einem Land, welches über 10’000 Kilometer weit weg von meinem Zuhause liegt. Und ich bin mit dem Fahrrad hierher gefahren! Hätte ich damals nicht gedacht, als ich an einem schönen Sonntagmorgen aus meiner Heimatstadt rausgefahren bin!
Und doch habe ich manchmal etwas Angst, dass mich all diese Sternenhimmel, die Sonnenaufgänge, diese unwirkliche Plätze in der Wüste und vieles mehr, mich eines Tages einholen werden, wenn ich zurück zu Hause bin und aus dem Fenster eines Büros hinaus ins Grau schauen werde. Ich will nicht zu einem von diesen Nomaden werden, welche nicht mehr zurückgehen können, da sie mit der Realität nicht mehr klar kommen. Aber ich will auch nicht ganz zurück in unsere Gesellschaft gehen, in welcher Geld wichtiger geworden ist als wie die Zeit die wir haben. Aber gibt es etwas dazwischen? Naja, ich habe ja noch etwas Zeit eine Lösung zu finden. Ushuaia liegt ja noch ein paar Kilometer entfernt.

Auf Safari

Auch am nächsten Tag wird der Pfad nicht besser und nur selten fahrbar. Nach mehreren Stunden das Fahrrad schieben, erreiche ich den Arbol de Piedras, eine Gegend in welcher herumfliegende Steine die Felsformationen zu Kunstobjekten verwandelt haben

Hier treffe ich auch wieder auf die vielen 4×4 Jeep Touren, welche sich vorher aufgrund der vielen Tracks relativ gut verteilt haben und daher nur selten sichtbar waren. Während ich weiterfahre, fühle ich mich ein bisschen wie auf einer Safari. Nur dass ich die Giraffe bin und alle Leute mich von ihren Fahrzeugen aus fotografieren… etwas nervig…

Nach weiteren 20 Kilometern schieben und teilweise fahren, erreiche ich endlich die Laguna Colorada. Der Name ist Programm und sie sieht einfach wunderschön aus.

Hier gibt es auch mal wieder einen Shop um etwas Lebensmittel aufzustocken. Als kleine Motivation kaufe ich mir noch einen Pfefferminz-Schnaps und schiebe anschliessend mein Fahrrad raus aus der kleinen Ortschaft. Nur 7 Kilometer weiter befindet sich eine kleine Schlucht welche sich super zum campen eignet. Von da aus geht es dann hinauf auf den fast 5000 Meter hohen Pass „Sol de mañana“, was übersetzt so viel wie „Die Sonne von Morgen“ heisst. Mir soll es recht sein, für mich wird die Sonne von Morgen den Weg weisen. Erstmal gibt es ein wahres Festessen, denn Dank den gekauften Lebensmitteln, reichen diese nun locker bis nach Chile. 

Baden mit Flamingos

Auf der Passhöhe gibt es keine Tafel, aber dafür Geysire und viele blubbernde kleine Tümpel. 

Von hier aus wird auch die Strasse viel besser, da diese von der örtlichen Mine benutzt wird. Es ist die beste Strasse seit Tagen!
Bereits am Mittag erreiche ich die nächste Lagune, bei welcher es heisse Quellen gibt. Die ganzen Tourgruppen fahren allesamt die gleichen Quellen an, wobei es mitten im Nirgendwo einen Infinity-Pool gibt, den scheinbar niemand nutzt. Obwohl es früh ist, beschliesse ich den Tag hier zu beenden und die heisse Quelle den ganzen Tag lang zu geniessen. Schliesslich waren es genügend Strapazen bis hierhin. Wie es ist einen eigenen Hot Pool inmitten von Lagunen und Vulkanen für sich alleine zu haben? Seht selbst:

Langsam laufen zwei Flamingos von der Mitte der Lagune in meine Richtung, wo es scheinbar das bessere Essen gibt. Ihre dünnen astartigen Beinen sehen dabei so aus, als könnten sie jederzeit brechen. Hinter den Flamingos kommt die Sonne hinter den Bergen zum Vorschein und taucht nun auch die Lagune in ein kleines Glitzermeer. Vorher konnte ich dieses Schauspiel schon bereits bei den schneebedeckten Spitzen der umgebenden Vulkanen beobachten.

Die Temperatur steigt mit den ersten Sonnenstrahlen endlich über den Gefrierpunkt, wobei ich die Kälte hier in dem warmen Wasser des Hot Pool eigentlich nur am Kopf spüren kann. Vor einer guten Stunde bin ich, noch in kompletter Dunkelheit, aus meinem warmen Schlafsack direkt in das warme Wasser hineingepurzelt. Denn um unnötige Wegstrecke zu sparen, habe ich das Zelt direkt am Ufer des Pools aufgebaut – mal eine andere Art aufzuwachen 😉

Nur 1.5 Kilometer später erreiche ich die heissen Quellen wo die ganzen Tours ihren Halt machen. Die Pools sind übervoll mit Menschen und die Szene bringt mich etwas zum schmunzeln – So eine Radreise bringt halt eben auch Vorteile mit sich!
Die Strasse führt von hier aus durch die Dali-Wüste, eine Wüste die aussieht als wäre sie von Salvador Dali gemalt worden. 

Über einen letzten Pass geht es hinunter zur Laguna Blanca und Laguna Verde. Beide werden überragt von dem Vulkan Licancabur. Mit seinen fast 6000 Meter ist er zwar ein ziemlicher Gigant, allerdings überragt er die Lagunen um nur knapp 1500 Meter, da diese selber bereits auf fast 4500 Meter liegen. Ganz anders sieht das hingegen auf der anderen Seite aus, denn da geht es hinunter bis zu dem auf weniger als 2500 Meter gelegenen San Pedro de Atacama, welches sich bereits in Chile befindet.  S.P. Atacama ist mein Tagesziel für heute und obwohl dieses noch über 70 Kilometer entfernt liegt, ist es durchaus machtbar, denn auf der chilenischen Seite ist die Strasse asphaltiert!
So kämpfe ich mich über die letzten Kilometer Sand, Stein und Waschbrett in Bolivien. Die Bergen am Horizont befinden sich nun alle bereits in Chile und ich kann die Nähe zum Land schon förmlich spüren. Und dann kurz vor Mittag erscheint das kleine Betonhäusschen mit der Aufschrift „Migracion“ endlich vor mir – mitten im Nirgendwo der Wüste. Der Grenzbeamte schläft tief und fest und hat anscheinend keinen Besuch mehr heute erwartet. Etwas grimmig und verschlafen drückt er den Ausreisestempel in den Pass und wünscht mir „buen viaje“. Bolivien war bestimmt das Land mit den schlechtesten Strassen aber trotzdem eines der schönsten Ländern in welchen ich je mit dem Fahrrad unterwegs war. Und jetzt ab auf den über 2000 Meter langen Downhill auf asphaltierter Strasse, hinunter in die Wüstenoase San Pedro de Atacama um nicht nur ein neues Land zu feiern, sondern auch ein neues Jahr – und 40’000 Kilometer 

Alle Bilder von Bolivien hier

Gefahrene Route

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