Zwischen Sand und Salz

3.5 Monaten in Peru kommen zu einem Ende, in dem Moment, als der Grenzbeamte den Ausreisestempel in meinen Pass druckt. Ich stehe mal wieder in einem dieser Betonhäusschen, welche anscheinend überall in Zentral- und Südamerika gleich hässlich aussehen und welche immer den Anfang und das Ende eines weiteren Kapitels markieren. Hinter mir liegen ca. 3000 Kilometer voll mit Passstrassen, Inka-Tempel und verlassenen Lagunen – hinter mir liegt Peru, das wohl bergigste Land auf der bisherigen Reise.   

Der bolivianische Grenzbeamte begrüsst mich mit einem Formular zum ausfüllen und gibt mir anschliessend problemlos ein 30-Tage-Visa. Viele Touristen nutzen diesen Grenzübergang, da der bekannte Ferienort Copacabana nur wenige Kilometer weit entfernt ist. Es ist so ein bisschen wie eine kleine Oase, mit westlichem Essen und Musik und somit ein guter Ort um eine kurze Rast zu machen. Meine Magenverstimmung wird jedoch über den Tag schlimmer, und so bleibe ich doch über Nacht in dem Ort – dafür sehe ich wenigstens einen schönen Sonnenuntergang. 

La Paz oder die Hauptstadt die keine ist…
La Paz ist eine von zwei Hauptstädten in Bolivien – ja das hört sich sehr kompliziert an, und ist es wahrscheinlich auch. Irgendwie befinden sich gewisse Behörden in La Paz, andere dafür aber in Sucre, der anderen Hauptstadt. Offiziell wird aber Sucre als Hauptstadt bezeichnet. Schade eigentlich, denn somit entfällt der Status „Höchste Hauptstadt der Welt“ für La Paz, welches sich auf fast 4000MüM befindet. Die Stadt selbst befindet sich in einer Schlucht, von welcher zahlreiche Seilbahnen hinaus in den Vorort El Alto führen.

Man könnte meinen, dass die Elite weiter oben wohnt, so wie es fast in allen Städten weltweit der Fall ist, aber in La Paz ist das umgekehrt. Je weiter oben man wohnt, umso mehr hat man mit dem kalten beissenden Wind des Altiplanos zu kämpfen, und so werden die Häuser grösser und hübscher, je weiter man in die Schlucht runterfährt. Mein Hostel befindet sich so ziemlich genau in der Mitte der Stadt, dort wo auch die meisten Touristen absteigen.

Massimiliano, der Italiener mit welchem ich bereits im Norden von Peru unterwegs war, wartet hier seit bereits zwei Wochen auf mich. Gemeinsam wollen wir von hier aus weiter nach Süden in die Wüsten von Bolivien weiterziehen. Vorerst gibt es aber noch ein paar Ruhetagen, in welchen wir grosszügig von den Bergbahnen Gebrauch machen.

Auf sandigen Pfaden
Massis Plan war, den Sajama Nationalpark zu besuchen welcher ungefähr 200 Kilometer südlich von La Paz liegt. Wir folgten den gut asphaltierten Highways und kamen wenige Kilometer vor dem Nationalpark an die Abzweigung, von wo aus es auf sandigen Pfaden weiterging.
So befinden wir uns nun in einer zwar wunderschönen Umgebung, können diese allerdings nur so halbwegs geniessen, da wir in dem tiefen Sand oft unsere Räder schieben müssen.

Nach fast einem Jahr in sehr bevölkerten Gebieten, ist dies nun der erste Ort, wo es fast keine Häuser und Menschen gibt. Entsprechend müssen wir unsere Vorräte und das Wasser planen. In den wenigen kleinen Dörfern gibt es oft keinen einzigen Laden und somit muss Essen teilweise für mehrere Tag mitgeschleppt werden. Immerhin finden wir, obwohl wir mitten in der Wüste sind, ganz oft funktionierende Wasserhähne oder Pumpen und teilweise sogar Bäche. Getoppt wird die Abgeschiedenheit am zweiten Tag nur noch mit Heissen Quellen mitten im Nirgendwo, von wo aus wir eine super Aussicht auf den 6500m hohen Vulkan Sajama geniessen können.

Wir verlassen den Sajama Nationalpark zwei Tage später und geniessen eine asphaltierte Strasse für wenigsten ein paar Kilometer bis zur chilenischen Grenze. Wir wollen allerdings dort nicht die Grenze überqueren, sondern nur einen rein logistischen Stopp einlegen. Denn langsam geht uns das Bargeld aus, weswegen wir auf die Geldwechsler an der Grenze angewiesen sind. Zudem ist es schön mal wieder in einem Restaurant ein „Almuerzo“ geniessen zu können.
Wir füllen noch kurz unsere Panniers mit den in dem kleinen Laden verfügbaren Lebensmitteln, füllen nochmals die Benzinflaschen zum kochen auf und verlassen anschliessend die Zivilisation wieder. Der Weg wird von hier aus nicht besser, jedoch dürfen wir weiterhin die Abgeschiedenheit der Wüste geniessen und den hohen Vulkanen, welche die chilenische Grenze markieren, weiter nach Süden folgen. Der Weg ist eigentlich eine Abkürzung zur weltbekannten Salar de Uyuni, der grössten Salzfläche der Welt, allerdings aufgrund des Zustandes doch eher einen Umweg. Oft müssen wir die Räder durch tiefen Sand schieben oder können aufgrund der grossen Steinen nur Schritttempo fahren.

Während es tagsüber relativ Windstill ist, nimmt dieser am Nachmittag jeweils zu Orkanstärke zu. Campieren in diesem Wind macht kein Spass, weswegen wir jeweils versuchen Abends ein Geisterdorf zu erreichen, wo wir hinter ein paar Mauern Schutz suchen können.

Für den „Shortcut“ benötigen wir ganze 3 Tage, obwohl dieser nur knapp 100 Kilometer lang ist. Wir kreuzen einen weiteren asphaltierten Highway, nur um kurz darauf wieder unsere Räder durch tiefen Sand schieben zu können.

Auf in die Salzpfannen
Vor uns liegt die Salar de Coipasa, quasi die kleine Schwester von der Salar de Uyuni. Wobei klein eine eher unpassende Beschreibung ist, denn dieser Salzsee weist immerhin eine Fläche von 2218km2 auf.

Mit Rückenwind flitzen wir über die harte Salzfläche in Richtung der Insel Coipasa. Wir befinden uns auf einer so grossen Fläche, dass es einfach ist, sich gegenseitig hier zu verlieren. Das Navi zeigt uns zwar Strassen an, jedoch dienen diese eher als Orientierungslinien um schlussendlich auch das richtige Ende von der Salzpfanne zu finden. Hier kann man durchfahren wo man möchte, und wer noch etwas mehr Freiheit will, schliesst einfach die Augen dabei – man wird bestimmt kein Hindernis rammen.

Massi und ich treffen uns zweimal in der Salar wieder und verlieren uns genau so oft auch wieder. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn nach den ersten 8 Kilometern können wir den Berg Pucara erkennen, welcher so ziemlich genau hinter der Ortschaft Tres Cruces liegt, dem südlichen Ende der Salar de Coipasa. Mit dem neuen Orientierungspunkt in Sicht und dem stärker werdenden Rückenwind im Nacken, fahren wir mit 30km/h nach Süden. Eine schöne Abwechslung nach dem ganzen Schieben der Räder im tiefen Sand der vergangenen Tagen.

In Tres Cruces gibt es zwar kein Restaurant, dafür aber einen relativ gut gefüllten Shop (es gibt sogar Zwiebeln und Tomaten hier!). Im Hinterhof einer hilfsbereiten alten Dame dürfen wir unser Mittagessen kochen und auch Wasser von der dorfeigenen Quelle zapfen. Überhaupt sind hier auf dem Land fast nur ältere Menschen anzutreffen. Wie in so vielen Ländern sind die Jungen vom Land in die Städten gezogen, wo es mehr Möglichkeiten für sie gibt. Uns so müssen wir oft Schreien, damit unsere Lebensmittelbestellung bei den halbtauben Verkäuferinnen um die 90 auch verstanden wird. Aber man gewöhnt sich ja an alles.
Nach einer ausgiebigen Pause verlassen wir die kleine Ortschaft und müssen zuerst die kleine Bergkette bezwingen, welche die Salar de Coipasa von der Salar de Uyuni trennt. Es ist ein „Camino“, welchen man in Europa noch nicht mal als Trampfelpfad bezeichnen würde. Lose, faustgrosse Steine machen ein Vorwärtskommen praktisch unmöglich, und die teilweise steilen Anstiege helfen dabei auch nicht wirklich. Für 3 Kilometer benötigen wir fast eine Stunde! Unglaublich, dass dieser Weg die einzige Verbindungsstrasse für viele kleine Dörfer ist.
Oben angekommen sehen wir auch, wer sonst noch so den Weg benutzt… die Dakar-Rallye scheint hier ebenfalls bereits Gast gewesen zu sein.

Müde und erschöpft erreichen wir kurz vor Sonnenuntergang das kleine Dorf Chorcaza, der letzten Ortschaft um nochmals Wasser aufzutanken für die nächsten 170 Kilometer (einen Shop für Essen gibt es hier nicht). Wir bauen unser Nachtlager direkt beim örtlichen Fussballplatz auf und geniessen einen ausnahmsweise mal windfreien Abend.
Dank des Tipps eines Lehrers, fahren wir früh am nächsten morgen auf einem kleinen aber festen Trampelpfad am nächsten Morgen die letzten Kilometer zur Salar de Uyuni. Wir haben viele Horrorstories von anderen Radreisenden gehört über den Weg von Chorcaza zur Salar, und haben Dank des Lehrers nun wohl den besten Weg gefunden. Nur einmal müssen wir kurz unsere Räder schieben, und kurz darauf erstreckt sich die unendliche Weite der Salar de Uyuni. Es ist die grösste Salzpfanne der Welt – mit unglaublichen 10’000km2 ist sie grösser als wie z.B. Niederbayern. Sie wird unser ständiger Begleiter für die nächsten zwei Tage und insgesamt müssen wir knapp 150 Kilometer auf ihr zurücklegen, bis wir wieder das „Festland“ erreichen. Es ist ein weisses Paradies, welches bis zum Horizont reicht.

Nach ein paar Kilometer auf ihr, können wir in der weiten Ferne die Umrisse einer Insel ausmachen. Es wird der Schlafplatz für heute werden, den selbst mit dem perfekten harten Untergrund und Rückenwind sind die 150 Kilometer kaum in einem Tag zu schaffen. Und sowieso möchten wir die Abgeschiedenheit auf „unserer“ kleinen Insel mitten in dieser Salzpfanne noch etwas geniessen. Wenn Sonnenuntergänge am Strand schon wahnsinnig schön sind, dann müsst ihr diese mal in der Salar sehen!

Früh kriechen wir am nächsten Morgen aus unseren Schlafsäcken, um den Gipfel der Insel zu erklettern und von dort aus den Sonnenaufgang zu geniessen. Die Nacht war eisig kalt, da das Salz die Sonnenwärme nicht speichern kann und es somit ist, als würde man in einem Eisfach campieren. Jetzt im Dezember ist es aber mit Temperaturen um den Gefrierpunkt relativ warm. In den Monaten Mai, Juni kann es hier durchaus auch mal -20 Grad kalt werden! Und ja, es sind schon viele Touristen erfroren, welche auf der Salar campiert haben.
Der heutige Tag ist der letzte ausserhalb der Zivilisation, und auch der anstrengendste. Denn bis zur Stadt Uyuni sind es 130 Kilometer, davon 100 alleine auf der Salar. Da wir in den letzten Tagen kein Brot und Haferflocken mehr finden konnten, müssen wir heute zum Frühstück den Notvorrat an Trockennudeln aufbrauchen. Ach wie sehr wünsche ich mir ein gutes schweizerisches Frühstück mit Zopf, Konfi, Aufschnitt, Eier…

Ähnlich wie die Salar de Coipasa, kommen wir auch in der Salar de Uyuni sehr schnell voran. Nach weniger als 40 Minuten Fahrzeit erreichen wir bereits die 24 Kilometer weit entfernte Insel „Incuahasi“, wo wir erstmal einen Kaffee geniessen. Es ist die einzigste Insel hier, welche eine gewisse Infrastruktur bietet und somit von hunderten von 4×4 Jeep-Touren angefahren wird. So früh am Morgen sind jedoch noch keine Gruppen unterwegs und wir können die komplette Insel für uns alleine geniessen.

Von Incuahasi aus sind es ca. 75 Kilometer bis zum östlichen Ende der Salar, eine Distanz, die so weit ist, dass man noch gar nichts am Horizont erkennen kann. Wir fahren einfach in das Weiss hinaus, und folgen den Spuren der vielen 4×4 Jeeps und natürlich dem GPS. Für Fotos bleiben wir nur sehr selten stehen, denn wir sind gerade in einem Wettrennen gegen den Wind, der pünktlich nach Mittag wieder aufbrausen wird – und wir haben keine Ahnung von welcher Seite er heute zuschlagen wird.

Knapp 4 Stunden später und mit fast 90 Kilometern auf dem Tacho erreichen wir kurz nach Mittag das erste Salz-Hotel der Salar de Uyuni, nur wenige Kilometer vor dem östlichen Ende der Salzpfanne. Während wir auf dem Weg hierher fast keine Tour-Jeeps gesehen haben, scheint es so, als wären dafür alle hier. Dutzende Fahrzeuge und noch viel mehr Touristen bevölkern diesen Ort, was nach 10 Tagen in der Wüste ein sehr verstörendes Bild für uns ist. Wie alle anderen hier, möchten auch wir uns etwas in dem kleinen Restaurant bestellen, werden jedoch wieder weggewiesen. Alles Essen hier ist für die Gruppen reserviert, jedoch nicht für Individualreisende. Wir müssen uns daran gewöhnen, denn auch die weitere Strecke durch Bolivien bis zur chilenischen Grenze wird genau so sein. Ab Uyuni geht die Strecke über weitere staubige Pfade in Richtung Süden, vorbei an den farbenprächtigsten Lagunen und den wohl schönsten Vulkanen der Welt, bis zum nächsten Betonhäusschen an der Grenze zu Chile. Dort draussen gibt es gar nichts, ausser wildlebende Lamas und dutzende 4×4-Jeeps, welche die Touristen aus Uyuni nach Chile bringen. Es ist wohl nicht der beste Ort für eine Radtour, aber der einzigste (und vor allem schönste Weg) nach Chile, Land Nr. 33!
Aber das ist eine andere Geschichte! Jetzt freuen wir uns erstmal auf ein bisschen Zivilisation in Uyuni, auf frisches Brot, guten Kaffee, Restaurants mit einer Auswahl, welche eine Speisekarte rechtfertigt und viel Schlaf in einem nicht verstaubten Bett. Ach ja und natürlich auf Weihnachten in der Wüste unter einem Himmel mit Millionen von Sternen.
In diesem Sinne „Feliz navidad!!!“

Gefahrene Route:

3 Comments

  1. SANDRA L PICKENS 24. Dezember 2018
    • MartinR 29. Januar 2019
  2. SANDRA L PICKENS 24. Dezember 2018

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