„The bit in the middle“

Chocolate steht fertig gepackt in dem riesigen Hinterhof des Panda Hostels in San Cristobal de las Casas (MEX). Alles ist bereit, ausser ich selber. Ich liege noch immer im Bett und finde nicht so richtig die Motivation aufzustehen. Und das hat einen Grund! Vor mir liegen 3000 Kilometer auf welche ich so eigentlich lieber verzichten möchte. Nicht dass diese landschaftlich nicht schön wären, oder die Leute nicht “Radfahrer-freundlich” oder so, aber die vor mir liegenden Kilometer führen durch ein tropisches Gebiet aus welchem es praktisch fast keine Fluchtmöglichkeiten in die Bergen gibt. Und die Tropen sind seit der langen Zeit in Südostasien mein grösster Feind geworden (zumindest solange ein 65kg schweres Fahrrad durch dieses Gebiet bewegt werden muss).

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Wahrscheinlich waren 6 Monate damals in den wunderbaren Ländern wie Thailand, Kambodscha, Laos, Myanmar… einfach viel zu lange und die Erfahrungen mit der Hitze einfach viel zu schlecht. Als ich damals den Flieger in Kuala Lumpur bestiegen habe, wog mein Gepäck fast nur noch die Hälfte. So viele Sachen musste ich wegschmeissen, da sie von der salzigen Luft und dem Schweiss quasi zerfressen wurden. Und jetzt ist es schon wieder so weit… vor mir liegt Zentralamerika – auf der Karte nur ein kleines bisschen Land zwischen der Südgrenze von Mexiko und der Nordgrenze von Kolumbien. Und eigentlich könnte man dieses kleine bisschen auch ganz einfach und in wenigen Tagen mit einem Bus durchqueren… oder in wenigen Stunden mit einem Flieger einfach überfliegen. Doch als ich damals in Vancouver wieder festen Boden unter den Füssen verspürt habe, habe ich mir geschworen die komplette Strecke nach Argentinien ohne Flieger, Busse, Züge, Esel und so weiter zu erreichen. Ausser es geht natürlich nicht anders, aber das wird erst zwischen Panama und Kolumbien der Fall sein, also am Ende von Zentralamerika. Da existiert nämlich keine Strasse, aber dafür ganz viele Drogenschmuggler, Diebe und Guerillakämpfer. Aber dazu kommen wir später.

Rohit und Aman, zwei Inder welche hier in Mexiko nun glückliche Hostel-Besitzer wurden, schauen mich müde und auch etwas traurig an. Ich war nicht nur ihr erster Gast, sondern auch noch der, der am längsten geblieben ist. Entsprechend schwer fällt der Abschied. Es ist irgendwie anders als wie die anderen zahllosen Check-Outs in anderen Hostels, wo man eigentlich meistens nichts mehr als ein zahlender Unbekannter war. Hier haben sich echte Freundschaften entwickelt, welche bestimmt noch über mehrer Landesgrenzen hinaus anhalten werden. Zusammen haben wir quasi das Hostel eröffnet und ich konnte beobachten wie sich nicht nur die Bekanntheit gesteigert hat, sondern auch wie die Räumlichkeiten täglich voller wurden, bis ich schon fast im Hinterhof campen musste. Zusammen haben wir jeweils am Morgen beim Frühstück rumgeblödelt oder Abends die engen Gassen von San Cristobal unsicher gemacht. Wie gesagt, hier war ich nicht nur ein zahlender Unbekannter… 

San Cristobal de las Casas

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Dinner at the Panda Hostel

Von San Cristobal de las Casas führt die Panamericana noch weitere 300 Höhenmeter in den stahlblauen Himmel, bevor es dann von knapp 2500 MüM runter an die Grenze zu Guatemala geht auf ungefähr 700 MüM. Huuiiii, Downhill!!! Also let’s go, auch wenn der Abschied schwer fällt.

Guatemala – fährst du noch oder schiebst du schon?

Da ist er! Auch wenn ich ihn nur schwer erkennen kann, da der Schweiss mir ständig in die Augen tropft. Unglaublich… es fehlen noch 700 Höhenmeter bis Meereshöhe, doch ist die Luft bereits so schwül und stickig, als würden gleich Surfer hinter der nächsten Kurve erscheinen und eine Palme im Wind wehen, direkt an der Meereskante.
Es ist der erste Grenzübergang seit 181 Tagen. Ich weiss das so genau, da mein Visa für 180 Tage gültig war. Damals an dem überdimensionierten Grenzposten von der USA nach Mexiko hat mir der mexikanische Polizist den Stempel in den Pass gedrückt und gesagt, dass ich genau 180 Tage Zeit habe um mit dem Rad bis zur Südgrenze zu kommen. Easy dachte ich mir damals – länger als wie 3 Monate würde ich niemals brauchen… und nun prangt da ein Overstay auf der bunten Seite meines Passes. Gemäss anderen Reisenden ist ein Tag nicht weiter schlimm und wenn ich Glück habe, dann muss ich nicht mal was bezahlen, aber leider sind die Polizisten in Mexiko korrupt bis auf die Knochen. Und das kann alles heissen von Gratis bis… ja bis was eigentlich? Mal schauen was er mir gleich sagen wird.
Etwas angespannt betrete ich das Betongebäude direkt nach dem Eisentor. Der Gesichtsausdruck von dem Beamten ist freundlich, jedoch sieht seine Uniform falsch aus. Nicht dass er ein Hochstapler wäre, aber seine Uniform ist die guatemalische Version und nicht die mexikanische. Ich jedoch benötige zuerst einmal einen Ausreise-Stempel. Er schaut jede einzelne Seite des Passes an und fragt mich genau das, was ich befürchtet habe: “Wo ist ihr Ausreise-Stempel?”. Ähm…. wo bekomme ich diesen dann??? Es stellt sich heraus, dass die mexikanische Migration ihr Häuschen am Fusse des Berges aufgebaut hat und ich somit nochmals 3 Kilometer den Berg runter muss. Das beginnt gut!
Als ich das Gebäude wenige Minuten später erreiche (runter gehts schnell), passt zwar die Uniform, aber dafür nicht mehr das Gesicht. Grimmig kuckt mich der Muskelberg hinter der Plexiglasscheibe an. Ich denke, dass ich bald herausfinden werde, wie hoch der Betrag gehen kann für einen Tag “Overstay”. Lange schaut er auf den Einreise-Stempel und beginnt dann die Monaten nachzuzählen. Das ist schon mal gut, denn solange er nur die Monate zählt, habe ich keinen Overstay. Wir haben den 11 April, eingereist bin ich aber am 13ten Oktober. Dennoch beweist er mir nun, dass er noch grimmiger kucken kann – Ich habe einen Monat überzogen! Ähm das wüsste ich aber?! Wie es scheint muss ich mir nicht um die 181 Tage Sorgen machen, denn der Beamte kann nicht mal bis 6 zählen. So beginnen wir gemeinsam die Monaten durchzurechnen (was eine gute Übung zum Spanisch lernen ist). Obwohl wir jedesmal auf 6 kommen, zieht er noch einen weiteren Kollegen zur Beratung hinzu. Und so stehen nun also 3 erwachsene Männer in einem kleinen Betonhäuschen an der südlichen Grenze in Mexiko und zählen von 1 bis 6. Wollt ihr mich eigentlich auf den Arm nehmen? Fast 15 Minuten später sitze ich wieder auf dem Fahrrad und schwitze mich wieder den Berg hoch, zurück zur guatemalischen Grenze. Der Ausreise-Stempel von Mexiko prangt nun im Pass. Ja wir haben es doch noch geschafft auf 6 zu zählen und sind tatsächlich noch zum gleichen Endergebnis gekommen! Der Beamte auf der guatemalischen Seite lächelt mich wieder genau gleich freundlich an und drückt mir ohne weiteren Fragen den Einreise-Stempel auf eine von den wenigen noch unbenutzten Seiten des Passes. Endlich in Zentralamerika! Jetzt kann das Rennen durch “das bisschen in der Mitte” losgehen!
Vom Grenzübergang aus führt die Strasse in einem gemütlichen Steigungsgrad zurück auf fast 3000 MüM. Das bedeutet 2 Tage “klettern”. Campingmöglichkeiten sind rar in dem schmalen Bergtal und Fussballfelder sind hier die einzigen Flächen welche nicht steil hinunter in den Bergbach führen. Also schlage ich schlussendlich das Zelt an einem solchen Platz auf, nachdem die örtliche Fussballmannschaft ihr tägliches (!) Training beendet hat. Der Junge vom Platzwart schwirrt um mich herum, wie es ansonsten die Mücken machen, und fragt mich alles mögliche übers Radfahren und die Schweiz aus. Dabei benutzt er das Wort “Usted” so oft, dass ich mir nach wenigen Minuten richtig alt vorkomme. “Usted” ist die Höflichkeitsform für andere Personen, welchen man mit Respekt begegnet. Also übersetzbar mit “Sie” im Deutschen. Oder einfacher gesagt, man verwendet dieses Wort entweder für Vorgesetzte und/oder ältere Menschen… gott ich fühle mich sooooo alt! 😉
Nach dem Bergpass von knapp 3000 MüM geht es zurück runter auf 1500 MüM zum Bergsee “Lago di Atitlan”, welcher von riesigen Vulkanen umgeben ist. Es ist einer der typischen Backpacker-Stopps in Zentralamerika und jeder der schon mal in Guatemala war, war bestimmt auch hier. Sobald ich den Panamericana verlasse, wird die Strasse typisch guatemalisch, wie sie mir von vielen anderen Radreisenden bereits beschrieben wurde. Nämlich so steil, dass man nicht mehr weiss ob man nun lachen oder heulen soll. Heute werde ich noch lachen, denn schliesslich geht es abwärts. Aber wenn die Strasse auf der anderen Seeseite genau so steil wieder aufwärts geht, dann werde ich wohl ganz sicher heulen. Im Dorf San Pedro geniesse ich zwei Ruhetage und sehr viel Kaffee, welcher an den steilen Berghängen rund ums Dorf angebaut wird – aus der Region, für die Region!

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Und dann geht es weiter… mit einer Nussschale, welches wortwörtlich von einer Welle zur nächsten springt. Die völlig überdimensionierten Motoren schaffen es tatsächlich, dass das Boot mehr Zeit in der Luft als wie auf dem Wasser verbringt. Sehr zum leiden von Chocolate, welche jedesmal wieder hart auf den Boden aufknallt. Als wir die Stadt Panajel erreichen ist zwar der Seitenständer etwas verbogen und die eine Flaschenhalterung hat sich verabschiedet, ansonsten funktioniert aber noch alles einwandfrei. Also gleich weiter damit heute noch Antigua, der zweite “You-have-to-go-there-Backpacker-Stopp” in Guatemala. Mir wurde gesagt, dass die Stadt den gleichen Charme hat wie San Cristobal de las Casas, jedoch schon auf den ersten ruckeligen 200 Meter auf den alten Pflastersteinen der Stadt, entscheide ich mich dafür diesen Ort nicht zu mögen. Es ist eher so ein bisschen wie Disneyland für Reisende. Während auf dem Lande die Menschen in Wellblech-Hütten wohnen und die Kinder mit aufgeblähten Bäuchen im Dreck spielen, reiht sich hier eine Fastfood-Kette an die nächste, alle untergebracht in frisch renovierten und bunten Kolonialhäusern. Während der Kaffee auf dem Lande nur wenige Cents kostet, wir hier für ein kleines Glässchen Koffein schon fast ein Wochenlohn fällig. Mir gefällts hier nicht, aber ich muss ja auch nicht hier bleiben. Denn ich will zu dem grossen Monster hinauf, welcher direkt neben der Stadt steht und unablässig in den Himmel schreit. Ich will hinauf zum Fuego, einer der aktivsten Vulkane der Welt. Am nächsten Abend ruckle ich wieder über die Pflastersteine, um zu Pedro zu kommen, ein Warmshower welcher auf Chocolate aufpasst während ich mich im Lavastrom verirre. Als wir auf seiner Terrasse stehen, können wir sehen wie der Vulkan glühend rote Lava in den Nachthimmel spuckt. Ein Schauspiel, welches man als Europäer eher weniger zu sehen bekommt. Die Vorfreude steigt und ich kann es kaum erwarten da hoch zu kommen. Eine weitere Radfahrerin aus Argentinien beschliesst kurzerhand mich zu begleiten und so sitzen wir wenige Stunden später in einem Chicken-Bus auf dem Weg zum Ausgangspunkt des Wanderweges. Eigentlich müsste man den Berg in einer geführten Tour erklimmen und eigentlich ist auch “völlig unmöglich” dies auf eigene Faust zu machen. Da die Tour jedoch mindestens 80 Dollar kostet und “völlig unmöglich” in Lateinamerika so ziemlich alles heissen kann, sind wir ohne Guide und ohne Gruppe unterwegs. Und erstaunlicherweise klappt das alles. Wir finden ohne Probleme den richtigen Chicken-Bus, welcher uns ohne Probleme direkt am Start des Wanderweges rausschmeisst. Wir finden ohne Probleme den Wanderweg und bezahlen ohne Probleme die Nationalpark-Gebühr, obwohl kein Guide vor uns her läuft. Wie wundersam?! Der Weg hoch zum Gipfel ist lang und steil… und vor allem steinig. Es geht über rutschigen und tiefen Lavakies hoch, wobei man immer wieder ein paar Meter zurückrutscht. Also so quasi 2 Schritte nach oben, und einen rutscht man wieder zurück. Aber wir kommen voran und erreichen nach Mittag die letzte Raststation vor dem Gipfel. Hier gibt es Kaffee – für weniger als die Hälfte als wie in den fancy Cafés in Antigua – wundersam! Nach der kurzen Stärkung geht es weiter in Richtung Gipfel. Wobei ich an dieser Stelle mal sagen muss, dass wir nicht auf den Fuego hochklettern. Das wäre etwas Lebensmüde! Wir klettern auf seinen Nachbar-Berg, den Acatenango, welcher aber ebenfalls ein Vulkan ist (wenn auch nicht mehr aktiv). Um 16:00 Uhr erreichen wir den Campingplatz auf ca. 3700 MüM, welcher aus kleinen geraden Flächen besteht, welche Arbeiter in den Wald geschaufelt haben. Und da steht er nun! Direkt vor uns! Direkt vor dem Ausgang meines Zeltes! Und ja, er spuckt! Genau so wie er es gestern schon gemacht hat. Diesmal aber nur 3 Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Und Gott ist er laut!! Ich weiss nicht genau wieso, aber irgendwie bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich so in der Hölle anhören muss. Ein tiefes Grummeln kündigt einen weiteren Ausbruch an und dann “Boooooooom!!!!!” die Erde erzittert und glühende Steine werden hunderte Meter hoch in den Himmel katapultiert. Über dem Vulkan steigt eine grauschwarze Wolke auf und selbst etliche Sekunden nach dem Ausbruch kann man noch den Aufschlag der glühenden Steinen auf dem Vulkan hören. Da es noch taghell ist, kann man diese noch nicht wirklich sehen, jedoch wird sich das noch ändern. Eines ist uns aber jetzt schon klar: DAS ist Naturgewalt! Hautnah aber dennoch in sicherer Entfernung. 

Chasing volcanoes

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View to the Volcan Fuego shortly before sunset

Der Sonnenuntergang gehört mal wieder in die Kategorie “Kitsch”, denn die Sonne glüht in den schönsten Farbtönen bevor sie in einem Wolkenmeer unter uns verschwindet. Ich wusste gar nicht, dass es so viele Farbtöne zwischen Rot und Gelb gibt! Kaum ist das eine Schauspiel vorbei, beginnt das nächste. Anders als die vielen Geschäfte unten im Tal, kennt der Fuego nämlich keine Öffnungszeiten und spuckt so friedlich weiter glühende Steine aus – und jetzt können wir sie sehen. Es ist ein Schauspiel welches man sonst so nur auf National Geographic zu sehen bekommt. Doch das jetzt hier ist Live – keine Glasscheibe dazwischen, keine Einblender und keine Moderatoren. Die sind wir jetzt. Jeder Ausbruch wird mit einem Jubelruf begleitet und wenn mal der Fuego nicht rumbrüllt, dann hört man dafür die Auslöser unserer Kameras. Obwohl es empfindlich kalt wird, tut dies unserer Stimmung keinen Abbruch. Erst als wir schon fast nicht mehr auf die Auslöser drücke können, da die Finger eingefroren sind, kriechen wir in die warmen Schlafsäcke. Nicht dass wir jetzt wirklich schlafen gehen würden, denn wenn der Nachbar nicht schnarcht, sondern explodiert, dann wird es echt schwierig ein Auge zuzutun.

El Salvador – Grossmutti macht Pupusas!

Die Zeit in Guatemala geht viel zu schnell vorbei… irgendwie. Irgendwie aber auch nicht, denn ich will nach Panama, ich will nach Südamerika! Der Einreise-Stempel ist noch nicht mal richtig getrocknet, als ich bereits den Ausreise-Stempel erhalte. Schon wieder eine Grenze und schon wieder hängt mir der Schweiss in den Augenbrauen. Und diesmal wird der noch eine ganze Weile da bleiben, denn El Salvador ist flach und heiss. Flach ist gut, besonders nach den anstrengenden Bergen in Guatemala, heiss mag ich jedoch absolut nicht. Und so wird das Reisen ab hier auch etwas zur Tortur. Besonders auch angesichts der Tatsache, dass es hier eigentlich nicht sooo wirklich sicher ist. Wer einen Blick auf die Reisehinweise des EDA wirft, könnte davon ausgehen, dass hier Bürgerkrieg herrscht. Dieser liegt aber schon über 25 Jahre zurück und seither hat sich das Land sehr stabilisiert. Naja Pech kann man immer haben, und so gilt der gute Rat des Omi in Thailand: “always looki looki”. Also gehe ich nicht wildzelten, sondern schlafe bei den Bomberos (Feuerwehr) oder bei den Gasolineras (bewachte Tankstellen).

Was sofort auffällt, ist, dass die Strassen in El Salvador in einem super Zustand sind. Manchmal sind Schilder am Strassenrand erkennbar, welche darauf hinweisen, welches europäisches Land den Highway gebaut hat. Ahaaa das erklärt einiges! Dank dem guten Zustand komme ich zügig voran und stehe so bereits 4 Tage später am Strand am Pazifik und lasse mir die Füsse von bräunlichen Wellen umspülen – die Wasserqualität könnte besser sein, aber dafür ist das kleine Nest hier von schon fast niedlich hässlich. Es ist typisch salvadoranisch, jedoch auch mit ein paar “Verschönerungen” für die Touristen. Sprich, die Häuser haben noch immer diese hässlichen Schimmelflecken an den Wänden, dafür gibt es aber Grünpflanzen an den Strassenrändern. In den kleinen Essbuden liefern sich die Kakerlaken ein Wettrennen, während Grossmuttis leckere Pupusas kochen und hungrige Hunde ansehbare Sabberpfützen vor der Herdplatte produzieren. Es lässt sich leben hier, auch wenn es bestimmt schönere Badeorte auf der Welt gibt. In den vergangenen Tagen habe ich gut Kilometer gemacht – teilweise über 130 Kilometer pro Tag, was bestimmt auch an dem guten Strassenzustand liegt. Also geniesse ich etwas Auszeit, Zeit welche mit Photobearbeitung, Videoproduktion und Website-Aktualisierungen genutzt wird. Ausser jeweils Abends, denn dann kommt der Monsun und wir sitzen im Dunkeln. So wird der Computer wenigstens einmal am Tag doch noch durch Spielkarten ersetzt und im Kerzenschein “Bruce” gespielt. Nach drei Ruhetagen und unzähligen Moskitostichen geht es weiter nach Süden. Die Grenze nach Honduras liegt nur eine Tagesdistanz entfernt und so erreiche ich abends das für Grenzgebiete typische Niemandsland. Ich suche einen Platz zum campen, werde jedoch nicht so wirklich fündig. Und irgendwie habe ich noch etwas Hunger. Also fahre ich zurück zum letzen Dorf, wo gerade eine Polizeistreife ein ziemlich heruntergekommener Pick-up-Truck kontrolliert. Ich biege links auf die Schotterstrasse, welche die Hauptstrasse von dem Dorf darstellt, und schaue auf der Karte wo es denn hier nun ein Restaurant gibt. Dann höre ich Feuerwerk! Oder nicht? Moment! Wenn es Feuerwerk ist, wieso rennen dann auf einmal alle Leute panisch weg? Noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, schliesse ich mich den fliehenden Menschen an und finde über einen Umweg zurück zur Hauptstrasse – ein paar hundert Meter entfernt vom Ort des Geschehens. Anscheinend hat gerade die Polizeipatrouille jemand erschossen – oder jemand hat die Polizeipatrouille erschossen. So genau kann ich das von hier aus nicht sagen und so genau will ich das auch gar nicht wissen. Ich fahre zurück ins Niemandsland und esse ein “ausgewogenes” Nachtessen, bestehend aus Cookies und einer Büchse Bier. Auf dem Parkplatz treffe ich auf ein deutsches Pärchen, welches mit einem kanadischen Van und einem mexikanischen Hund auf dem Weg nach Panama sind. Patchwork-Familie quasi! Ich schlage mein Zelt direkt hinter ihrem Van auf – ausser Sichtweite von schiessenden Patrouillen (oder Gangstern). Ein etwas unnötiger Abschluss von einem Land, welches so eigentlich doch sehr schön war.

Honduras – Ein Quickie für zwischendurch

Früh am Morgen stehe ich wieder vor einem Betongebäude einer weiteren zentralamerikanischen Migration. Es wird irgendwie schon fast etwas Alltags-Business dieses Überqueren der Grenze. Dennoch ist hier irgendwie etwas anders. Irgendwie ist es hier so “heimelig”! Und ich kann nicht erklären wieso! Aber irgendetwas ist hier sehr vertraut! Ein Glatzkopf kuckt mich mit einem friedlichen Lächeln an und begrüsst mich mit “Grüezi”. Hmmm irgendwie stimmt hier etwas nicht… das heisst doch eigentlich “Hola” oder jetzt um diese Uhrzeit “Buenos dias”. Hmmm ich kenne das “Grüezi”, aber komme gerade nicht darauf wieso. Liegt wahrscheinlich an der Hitze, aber es dauert tatsächlich einige Sekunden, bis ich kapiere dass dieser Glatzkopf Schweizerdeutsch mit mir spricht. Und ich mag diesen Glatzkopf sofort! Bereits ab dem ersten Bruchteil der ersten Sekunde! Ivo reist seit bereits vielen Jahren mit seinem weissen VW-Bus durch Amerika (Süd und Nord) und der Zufall will es nun, dass wir beide zur gleichen Zeit an diesem Grenzübergang stehen. Er war früher Tigerhai (merci Jean Ziegler, ich liebe deine Bücher (aber Ivo ist ein guter Tigerhai!)) bevor er seine Sachen gepackt hat und das Abenteuer gesucht hat – und so wie es aussieht auch gefunden. Wir pläuscheln etwas rum in unserer komischer Sprache und sorgen so für verwirrte Gesichter unter den Geldwechslern.

Der Grenzübergang gehört mal wieder zu einer von der einfacheren Sorte. Kurz rein, die gleichen 1-2 Fragen beantworten, in die Kamera lächeln, Fingerabdrücke nehmen, Stempel kassieren, Gebühr bezahlen und zurück in die unmenschliche Hitze treten. Ivo und ich verabreden uns für Nicaragua, das nächste Land nach Honduras.
Eigentlich mache ich hier in Honduras etwas, was überhaupt nicht typisch ist für meinen Reisestil…: ich bereise nicht das Land, ich rase hindurch wie ein Shinkansen-Express über die Reisfelder Japans. Von der Nord- zur Südgrenze sind es nur 130 Kilometer – machtbar in einem Tag! Da ich jedoch die nächste Nacht nicht nochmals an einer Grenze im Niemandsland verbringen möchte, plane ich die Nacht in der einzigen Stadt dazwischen zu verbringen – Choluteca. Am frühen Nachmittag erreiche ich die Stadt und finde über kurze Umwege meinen Warmshower-Host Jaime. In seinem grossen Haus mit Pool und Bar finde ich die nötige Erfrischung nach einem weiteren heissen Tag. Das Haus ist von hohen Mauern umgeben, und das mal wieder aus gutem Grund. Während El Salvador schon gefährlich war, wird es hier richtig gefährlich. Seit der Bekanntgabe der Wahlresultate vergangenen November hat sich die Sicherheitslage sehr verschlechtert. Die Leute sind stinksauer und zeigen das in Form von Plünderungen, Entführungen und Gewalttaten. Dabei werden auch nicht die Touristen verschont! Obwohl die Mauer gute 3 Meter hoch ist, soll ich unbedingt Chocolate mit in mein Zimmer nehmen – ein Zimmer ohne Schloss zwar, aber okay. Vielleicht wäre es so einfacher für die Diebe, denn sie könnten mich gleich fragen wo die ganzen Wertsachen sind ohne lange suchen zu müssen. Jaimes wunderschöne Schwester kocht für uns alle ein typisches honduranisches Abendessen und als Nachtisch gibt es süssen Milchreis. Ihr Lächeln lässt mich die gefährliche Umgebung in welcher ich mich befinde vergessen und beim rausgehen sagt sie mir, dass ihr Zimmer direkt neben meinem ist. Falls ich was brauche, soll ich einfach an die Türe klopfen… mir fallen einige Gründe ein um anzuklopfen, wüsste aber nicht ob Jaime daran Freude haben würde. Als ich später nochmals kurz in die Küche zurückkehre um meine Trinkflasche aufzufüllen, steht sie ganz alleine vor dem Abwaschtrog. Die anderen sind bereits schlafen gegangen, und so Gentleman wie ich bin, will ich ihr natürlich beim Abwaschen helfen. Sie besteht allerdings darauf dass sie dies alleine macht – so verlangt es die hondurianische Kultur. Wieder lächelt sie mich mit einem so süssen Lächeln an, dass ich sie am liebsten küssen würde. Nur so einen kleinen Gutenachtkuss. Ohne böse Absichten oder so. Einfach nur weil es gerade so schön passen würde. Hier in der Hitze, während draussen die Grillen zirpen und die Schüsse von Gangstern durch die Nacht gellen. Aber ich bin zu schüchtern. So gehe ich zurück und schlafe alleine aber dafür pappsatt in meinem kleinen Zimmer ein und wache mit allen meinen Wertsachen am nächsten Tag wieder auf.

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Die anderen schlafen noch, als ich Chocolate in Richtung Tor schiebe. Die Schwester von Jaime öffnet mir das Tor – die letzte Gelegenheit mir doch noch meinen “wohlverdienten” Kuss abzuholen. Kurz stelle ich mir vor, wie wir zusammen nach Patagonien durchbrennen… wie wir einfach alles hinter uns lassen, die Fahrräder satteln und losfahren. Tagsüber gemeinsam die Hitze durchstehen und abends vor dem Zelt die Sternschnuppen zählen. Wir könnten uns gegenseitig den Berg hoch anfeuern und oben dann ein Eis teilen. Ich könnte ihr Rad reparieren während sie uns leckere Kohlenhydrate auf dem Benzinkocher zubereitet… hmm schön wärs, aber leider völlig unrealistisch. Sie würde niemals ihre Familie verlassen und sie würde niemals ihr Land für einen halb verwahrlosten Radfahrer verlassen. Die Reise ist ein Solotrip, und wird es auch bleiben. So schön die gemeinsamen Momente auch sein könnten, so schwierig ist es auch gemeinsam zu reisen. Denn erst auf Reise erkennt man den wahren Charakter eines Menschen. Dann, wenn man weit weg ist von dem was einem vertraut ist, wenn man die eigene Komfortzone verlässt und sich ins Abenteuer stürzt. Wenn keine beste Freundin oder ein bester Freund gleich um die Ecke wohnt und einem Tipps geben kann wenns mal nicht so läuft und wenn man nicht weglaufen kann nach einem Streit, da es keinen Ort gibt wo man hingehen könnte. Ich glaube, wer gemeinsam Reisen kann, kann gemeinsam Alt werden. Wer weiss, aber meine zukünftige muss auf jeden Fall gerne Radfahren 😉
Das Tor öffnet sich, ich drehe mich um und schaue wieder in ihr süsses Lächeln. Jetzt oder nie! Aber wie bereits gesagt, ich bin zu schüchtern! Also bedanke ich mich höflich und fahre zurück zum Highway. Obwohl ich wieder unterwegs bin, hängen meine Gedanken noch im Hinterhof, noch bei ihr. So sehr, dass ich das ganze Feuerwerk um mich herum gar nicht mitbekomme…
Da ich noch keinen Morgenkaffee hatte und noch kurz WiFi brauche um den nächsten Grenzübergang zu planen, stoppe ich beim Café direkt um die Ecke. Es ist praktisch leer, was etwas komisch ist um diese Uhrzeit. Ich schliesse Chocolate an die Strassenlaterne, trete ein und bestelle einen Kaffee. Kaum habe ich mich ins Internet eingeloggt erscheint ein ziemlich nervöser Mann und fragt mich ob das mein Fahrrad ist, welches vor dem Café steht. Die Frage ist ziemlich Standard, da es meistens die Einstiegsfrage ist worauf dann die Fragen nach dem Wohin, wie lange und ob ich Familie habe folgen. Die nächste Frage von ihm ist allerdings ungewöhnlich. Er möchte gerne dass ich Chocolate in den Hinterhof stelle… wegen der Schiesserei da draussen. Oh ja, jetzt wo er es sagt höre ich das “Feuerwerk” auch! Dieses Mal sind es nicht Polizisten gegen Banditen, sondern Banditen gegen Banditen und gemäss der Anzahl Schüssen nicht gerade wenige. Ich parke kurz um, trinke noch gemütlich den Kaffee fertig, finde die Informationen zum Grenzübergang und aktualisiere die Wechselkurse für die nicaraguanische Währung – den Cordoba. Gemäss dem Kellner ist die Strasse in Richtung Süden frei von Banditen und somit sicher – so mehr oder weniger. Also fahre ich los, während das Feuerwerk hinter mir immer stiller wird. Die Grenze ist nur noch knappe 50 Kilometer entfernt – machtbar in so 3 Stunden. Es war irgendwie viel zu schnell hier in Honduras und irgendwie auch ganz komisch. Ich habe eine Traumfrau getroffen und wunderbare Gastfreundschaft erfahren, während zwei Strassen weiter Menschen ihr Leben lassen mussten. Gefühle hier können sehr stark sein – Liebe wie aber auch Hass. Keine Ahnung wie das Land wirklich ist – es fühlt sich an wie ein Quickie mit einer Unbekannten.

Nicaragua – Rucksackmenschen, Reis und Bohnen

In der brennenden Mittagssonne sehe ich das nächste Betongebäude mit der “Migracion” Aufschrift. Irgendwie gehören diese Gebäude schon zum Alltag. Ich stelle mich auf eine einfache Grenze ein – kurz rein, die Klimaanlage geniessen, Stempel rein und weiter fahren. Es werden drei lange Stunden bevor es endlich weitergeht…
Alles läuft schnell und so wie ich es kenne, bis zu dem Moment als sie nach meinen Transportmittel fragt. Selbstbewusst und sicher sage ich “Bici”, nur dass darauf nicht das Lächeln folgt, sondern irgendetwas in schnellem Spanisch, gefolgt von der Rückgabe meines Passes – ohne Einreisestempel! Verwirrt und mit offenem Mund stehe ich vor ihr, würde gerne etwas sagen, bringe jedoch nix raus. Sie spricht weiter und zeigt auf eine Website-URL, welche an der Scheibe angebracht ist. Ich verstehe noch immer nix. Die Frau verschluckt die Wörter so sehr, dass es mir einfach unmöglich ist auch nur ein kleines bisschen herauszuhören was nur im Ansatz nach einem mir bekannten Wort klingt. Später erfahre ich, dass Ivo das genau gleiche Problem hatte, worauf er kurzerhand die Tür zu ihrem Kabäuschen öffnete und sie anschrie mal deutlich zu sprechen. Rabiat, hat aber dann geholfen!
Ein englischsprechender Zollbeamte erklärt mir daraufhin, dass sie neuerdings ein ausgefülltes Formular sowie weiteren Papierkram für Radreisende und andere “Overlander” verlangen. Nur Busreisende können ohne diese Zettelwirtschaft einreisen. So laufe ich mehrmals zur anderen Seite des Highways, bis alles Kopien von den gewünschten Passseiten zusammen sind und das Formular vorschriftsgerecht ausgefüllt ist. Danach darf ich weitere 2.5 Stunden warten, bis das dafür zuständige Amt in Managua aus ihrer Mittagspause zurückgekehrt ist und mir per Fax Eintritt gewährt. Ja, ich bin ein bisschen genervt!
Weit weg von dem eigentlichen Tagesziel beziehe ich ein Hotelzimmer und gehe am gegenüberliegenden Strassenstand auf Essensuche. Eine dicke Köchin (schon mal ein gutes Zeichen) steht vor diversen Pfannen und Töpfen und freut sich über ein ausländisches Gesicht an ihrem Stand. Anscheinend hat sie gerade mit ihren Freundinnen eine lustigen Abend, denn ich bin der einzigste Mann inmitten einer Schar von typischen Hausfrauen und während ich auf das Landesgericht, Reis und Bohnen, warte, blödle ich mit diesen in meinem spärlichen Spanisch rum. Obwohl der Tag heute so ziemlich bescheiden war (ich musste meine Traumfrau verlassen, bin vor einer Schiesserei geflüchtet, wurde in einen Papierkrieg am Zoll verwickelt und musste eine scheiss Hitze überstehen) stehe ich trotzdem am Abend mit einem breiten Grinsen an diesem Essenstand und lache über Witze von nicaraguanischen Hausfrauen. Die Zubereitung vom Essen dauert ungewöhnlich lange, aber dafür stossen immer mehr Menschen zu unserer lustigen Runde. Wir sind glaube ich bereits das Dorfgespräch und Rikscha-Fahrer bringen immer mehr Leute in unsere Runde. Es wird ein guter Abend werden für die Köchin. Ach was rede ich, es ist ein super Abend für uns alle! Mit einem riesigen Teller voll mit Reis und Bohnen sowie Frijoles und einem halben Huhn (die Köchin hat mich echt gerne bekommen) in der Hand sowie Lachtränen in den Augen verlasse ich die lustige Runde und ziehe mich zurück in mein Hotelzimmer. Irgendwie mag ich dieses Land jetzt schon!
Nach einem weiteren Tag erreiche ich die Stadt Leon. Es ist ein weiteres typisches Backpacker-Ziel und Ausgangspunkt für alle welche mal einen Vulkan auf dem Snowboard runterbrettern möchten. Mein Hostel hat ein Pool und einen riesigen Innenhof. Gut für Chocolate und für mich. Meine Zimmernachbarin ist zudem Schweizerin! Ich treffe mich Abends mit Ivo auf ein Bierchen und obwohl es ziemlich viele Bars hier gibt, bleiben wir auf der Bank vor dem Shop hängen. Es scheint als würde in Leon die Hitze selbst in der Nacht nicht weniger werden und das kühle Bier ist hier nicht nur Genuss, sondern lebensnotwendig. Ich bleibe zwei Tage in der Stadt und fahre weiter… irgendwie kann ich es hier nicht länger aushalten. Der Unterschied zwischen dem ländlichen Nicaragua und touristischen Orten ist einfach viel zu gross. Die lustige Runde vom ersten Abend wiederholt sich nicht mehr, dafür sehe ich viele verschlossene und grimmige Gesichter. Schade, doch zeigt es einmal mehr, wieso ich 80% der Reisezeit an nicht-touristischen Orten verbringe.
Managua ist die Hauptstadt und liegt nur einen Radtag von Leon entfernt. Es ist der Ort, an welchen man zurzeit überhaupt nicht reisen sollte. Die Medien sind voll von den gewalttätigen Protesten welche Nicaragua zurzeit an den Rand eines Bürgerkrieges bringen. Ich rolle in die Stadt am Samstagabend… let’s get ready to rumble!! Die Hauptstrasse ist gesäumt von leuchtenden Stahlpalmen und aufgrund der Berichterstattungen der vergangenen Tagen kenne ich diese bereits aus dem Fernseher. Bis zur ersten Kreuzung rolle ich über 13 eingezeichnete Leichen am Boden. Also die Leichen wurden entfernt, aber die Umrisse sind noch deutlich zu erkennen. An der zweiten Kreuzung ist erstmal Schluss da dort ganz schön viele Menschen die Strasse blockieren. Schnell weg, ich will nicht auch noch auf der Strasse verewigt werden! Mein Hostel (wieder mit Pool!) liegt abseits der Hauptstrasse in einem Wohngebiet mit unverhältnismässig vielen Security-Guards. Trotz Pool, ich bleibe nur eine Nacht. 

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Nicaragua: Good Highways and volcanoes

Weiter südlich von Managua liegt die Laguna de Apoyo, welche von oben ein bisschen wie ein Meteoritenkrater aussieht. Es geht steil hinunter an die schmale Küste im Krater, welche am Wochenende ein beliebtes Ausflugsziel für Managuaner ist. Ich lasse die Hostels und Hotels hinter mir und stoppe im Garten eines uralten Mannes. Gemäss dem verwitterten Holzschild soll der Garten ein “Eco-Resort” darstellen mit Campingmöglichkeit. Tatsächlich lässt er mich für 5$ das Zelt aufbauen. Zum Sonnenuntergang lasse ich die Bierdosen am Strand zischen und geniesse zum zweiten Mal seit der Grenze einen, zumindest ein bisschen weniger, touristischen Ort. In der Nacht überrascht mich ein typischer Monsun-Regenschauer – kurz aber dafür stärker als jede übliche Dusche. Natürlich habe ich aufgrund der Hitze das wasserfeste Überzelt weggelassen und somit wird mein Schlafdomizil einmal schön fest durchnässt. Aber aufgrund der Hitze stört die Nässe nicht mal unbedingt. Es ist quasi duschen und schlafen – einfach gleichzeitig. 

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Laguna de Apoyo

Früh am Morgen kämpfe ich mich aus dem Krater raus zurück an die “Oberfläche” und fahre nach Granada. Eine weitere Kolonialstadt, ein weiterer Backpacker-Treffpunkt, ein weiteres Hostel. Ich bleibe 2 Tage und habe danach endgültig die Schnauze voll von Hostels und englischsprechenden Menschen um mich herum.
Erklärtes Ziel: Costa Rica,
Distanz: 105km,
Zeit: 1 Tag
Schlafplatz: Egal wo aber Hauptsache kein Hostel oder Hotel. I’m done here!

Costa Rica – SV / Land for Sale!

Wieder ein Grenzübergang, aber dies mal ohne Probleme. Ein kurzes Buenos dias, ein paar Fragen beantworten, Stempel rein und adios! Costa Rica ist wunderschön! Costa Rica ist ein grünes tropisches Paradies mit erhaltener Natur und nachhaltigem Tourismus. Und, Costa Rica ist teuer… wahnsinnig teuer! Von allen zentralamerikanischen Ländern mit Abstand das teuerste. Mit Hotels zu liebäugeln wird hier schnell zu einem kostspieligen Abenteuer und für mein Budget somit absolut ausser Frage. Aber kein Problem, solange es nicht ununterbrochen regnet oder mein Zelt kaputt geht.
Ein Tag später. Ich zelte unter dem Vordach einer Kirche. Es regnet ununterbrochen und mein Zelt lässt sich aufgrund einen kaputten Reissverschlusses nicht mehr schliessen. Hmmm Murphy’s Law. Aber wie habe die Mönche in Asien immer so schön gesagt: Alles kommt, alles geht. Der Regen geht bestimmt, den Reissverschluss muss ich reparieren. Und mit der Zange funktioniert es sogar! Zumindest so halb. Denn nun funktioniert zumindest wieder einer der beiden Zipper. Hoffen wir dass dieser noch laaaange hält.
Nicht nur das Zelt ist kaputt, sondern auch der Benzinkocher (unglücklicherweise der gleiche Hersteller wie das Zelt) hat seinen Dienst eingestellt. Eigentlich bereits in Mexiko und das vor über zwei Monaten, dennoch ist das Problem noch immer nicht behoben. Der Hersteller hat mir zwar die Ersatzteile nach Mexiko geschickt, aber die mexikanische Post ist da nicht sooo zuverlässig. Also habe ich die Ersatzteile in der Schweiz bestellt und mit Hilfe meiner Mama zu Casey, einem Kollegen von einer Kollegin (so läuft das beim Reisen ;)), nach San Isidro in Costa Rica schicken lassen. Während der Regen an die Scheibe von dem Café klopft, lese ich die Nachricht von Casey: Teile angekommen!! Wenigstens etwas klappt nach Plan hier!
Erleichtert kämpfe ich mich den Berg hoch um von La Fortuna nach San Jose zu kommen. Dort wartet die nächste Baustelle auf mich, denn mein Pass läuft bald ab. Bei der Abreise dachte ich eigentlich mal noch, dass die Zeit easy ausreicht und ich locker vorher zurück sein werde. Tjaaaaa es wird nicht reichen bis Patagonien. Und daher muss ich zur einzigsten Schweizer Botschaft in Zentralamerika pilgern, obwohl ich keine Ahnung habe ob dies überhaupt klappt. Denn das Einwohneramt in der Schweiz meinte, dass man dafür eventuell den Heimatausweis mitbringen müsste und vielleicht noch andere Dokumente… Die Schweizer Bürokratie holt mich also nun im Dschungel von Costa Rica wieder ein. Ich habe einen Pass dabei – das muss als Dokument reichen.
Kurz nach der Passhöhe erreiche ich eine Kirche, dessen Wiesenfläche sich optimal zum campen eignet. Ich frage höflich nach, werde jedoch enttäuscht, da die Fläche heute als Parkplatz für das Dorffest zweckentfremdet wird. Eine Dame lädt mich kurzerhand zu sich nach Hause ein und meint, dass ich auf ihrer Wiese campen kann. Auf dem Dorffest fragt sie noch kurz ihren Mann um Erlaubnis, und so stehe ich kurze Zeit später in einem typischen Costaricanischen Haus und lerne die komplette Familie kennen. Ihr Sohn, Randall, hat sogar eine Zeit in Österreich gewohnt und spricht Deutsch! Das erleichtert die Kommunikation ungemein. Wir sitzen gemeinsam in der Küche und sprechen über die kulturellen Unterschiede unserer Länder, spielen mit den Kids der Tochter und ich lerne von Randall wie Käse hergestellt wird. Denn er produziert diesen direkt hier in der Küche und verkauft ihn später unten in San Jose. Es ist bereits spätabends als ich hundemüde ins Zelt krieche. Diesmal mit Aussenzelt und dem dicken Schlafsack, denn auf 1600 MüM herrschen endlich mal wieder angenehme Temperaturen. Es ist eine kurze Auszeit von den Tropen, denn San Jose liegt auf ca. 1000 MüM und direkt danach geht es zurück an die tropische Küste. 
Der Abschied von Randall und seiner Familie ist herzlich und nach einem leckeren Frühstück geht es auf den Downhill in die Hauptstadt von Costa Rica. Mein Hostel (ja schon wieder, aber es gibt hier ja nichts anderes) habe ich nicht aufgrund der Ausstattung gewählt, sondern rein aufgrund der Distanz zur Botschaft – nicht mal 100 Meter! Direkt am nächsten Morgen stehe ich pünktlich um 9 Uhr in der Lobby des Bürogebäudes in welchem sich auch noch weitere Botschaften befinden. Mit den Personenscannern und den grimmigen Securitys  sieht es hier ein bisschen aus wie am Flughafen. Nachdem ich alles “bestanden” habe, darf ich den Lift betreten. Und hier wird es mal wieder etwas schräg. Denn während draussen und auch in der Lobby noch das typische zentralamerikanische Leben herrschte, befinde ich mich auf einem Schlag in der Schweiz, kaum als sich die Lifttür wieder öffnet. Ein grosses Schweizerwappen an der Wand zeigt, dass ich hier bestimmt richtig bin. Ich betrete ein Raum, in welchem noch eine Putzkraft fleissig die letzten Flächen abstaubt (war ja auch ein soooo langes Wochenende). Sie ist die einzige, die mich an Zentralamerika erinnert hier drinnen. Ansonsten könnte ich schwören, dass ich in der Schweiz bin. Alle reden Schweizerdeutsch, an Wänden hängen Bilder vom Wallis und Luzern, auf dem Tisch steht ein Modell eines Edelweiss-Fliegers und in den Regalen steht die Coop-Zeitung. Ich bemerke es anfangs nicht, aber ich beginne zu lächeln. Nach 2 Jahren unterwegs ist dies das erste Mal, dass ich mich richtig “heimisch” fühle. Ich lerne noch andere Auslandsschweizer kennen, welche vor vielen vielen Jahren den Alpen den Rücken zugekehrt haben und hier im tropischen Costa Rica ein neues Leben aufgebaut haben. Interessante Geschichten! Neben mir sitzt eine junge Frau, die mit ihrer Macchiato-Haut etwas südländisches hat und gleichzeitig mit ihren Gesichtszüge an die Schweiz erinnert. Ich erfahre von ihr, dass ihre Mutter aus Honduras kommt und ihr Vater aus der Schweiz. Sie spricht gebrochenes Schweizerdeutsch, wobei sie anscheinend aber nicht die Höflichkeitsformen gelernt hat. Alle werden mit Du angesprochen und das macht sie sehr sympathisch! Ich bin an der Reihe, erzähle ihr mein “Problem” und dann werde ich einfach in die Kabine geschickt um die Fotos und Fingerabdrücke zu machen. Einfach so! Ohne Heimatausweis, ohne andere Dokumente, ohne weitere Fragen. Die langen Arme der Schweizer Bürokratie reichen anscheinend noch nicht bis Costa Rica. Hier herrscht noch Pura Vida!
Von San Jose aus gehts zurück an die Küste wo ich nicht nur einen 160 Kilometer Tag hinlege, sondern auch noch 2 Platten aufsammle – an einem Tag! Der zweite Platte passiert als es bereits dunkel ist. Die Mücken freuen sich über das exotische Frischfleisch, welches im Schein der Taschenlampe versucht ein winziges Loch im Schlauch zu finden. Auch die Arbeiter der Palmöl-Plantagen welche hier überall sind freuen sich mich zu sehen, und so werden wir alle gemeinsam verstochen während ich das x-te Loch auf dieser Reise abdichte. Von der Küste aus geht es zurück in die Berge auf eine steile Strasse nach San Isidro, wo Casey mit den Teilen für den Benzinkocher auf mich wartet. Die Hitze bringt mich dabei an den Rand des Erträglichen. In meinen Ohren rauscht das Blut und mir ist so schwindlig, dass ich oft fast in den Strassengraben falle. Casey lädt mich kurz vor San Isidro auf und bringt mich zu sich nach Hause. Umgeben vom grünen Dschungel Costa Rica’s finde ich Dank Pizza wieder zurück zu Kräften. Ich darf in seiner Cabina schlafen, welche etwas unterhalb von seinem Haus steht, ebenfalls umgeben von Palmen, Dickicht und Kaffeebäumen. Wir quatschen den ganzen Tag und beobachten wie die Wolken über die Bergketten ziehen. Ich möchte mehr erfahren über das Phänomen “Land for Sale”, welches ich so bisher nur in Costa Rica finden konnte. Tatsächlich ist es so, dass hier wahrscheinlich mehr Schilder mit “Land for Sale” rumstehen als wie Verkehrsschilder. Es scheint, als würde komplett Costa Rica zum Verkauf stehen. Und so wundert es mich nicht, als er sagt, dass auch sein Land zum Verkauf steht. Die Gesetzgebung ist hier so kompliziert, dass es praktisch nicht möglich ist seinen Landbesitz jemand anderem zu vermachen. So versuchen viele ihr Land bereits wieder früh zu verkaufen. Komische Welt. Zwischen unseren Gesprächen geniessen wir das köstliche Essen seiner Frau und nach zwei Ruhetagen bin ich wieder fit genug um das Rennen durch Zentralamerika beenden zu können – Panama! Das Land mit dem Kanal, es ist nun in unmittelbarer Nähe!

Panama – Wo die Strasse endet

Und wieder eine Grenze! Aber wieder absolut keine Probleme. Was sofort auffällt ist die Qualität der Panamericana. Während diese in Costa Rica zweispurig war, ist sie hier nun vierspurig und mit einem breiten Seitenstreifen ausgestattet. Es fühlt sich schon ein bisschen an wie die Highways in den USA. 

Ich bin nun wieder mehr “independent” unterwegs, denn ich kann jetzt wieder kochen. Vorbei sind die Zeiten mit der Suche nach Restaurants und Strassenständen. Nur jeweils am Nachmittag noch kurz einkaufen, und dann einfach stoppen, sobald ein guter Platz zum campen auftaucht. es fühlt sich soooo gut an! Leider sind die Supermärkte in Panama so richtig schlecht ausgestattet. Ich wusste gar nicht, dass man so viele Quadratmeter mit so viel Schrott füllen kann. Aber alle Leute vor mir an der Kasse haben einen prall gefüllten Einkaufskorb. Nur ich drehe mich im Kreis und finde einfach absolut nichts was man kochen könnte. Das Einkaufen in verschiedenen Ländern ist immer wieder eine interessante Sache. In Asien sind die Läden welche man an den Strassenrändern findet oft kleiner als wie eine Standard-Vorratskammer, haben aber dennoch alle Artikel welche man sich wünschen kann. Hier scheint es das Gegenteil zu sein – und das, obwohl die meisten Supermärkten hier von Asiaten geführt werden. Komisch…
Das Land selber ist relativ gesichtslos. Wie auch schon in den anderen zentralamerikanischen Ländern zuvor gibt es hier praktisch keine Kultur. Die Leute stehen mit alten amerikanischen Klamotten am Strassenrand und warten auf den nächsten Bus. Keine farbenfrohe Trachten oder ausgefallenen Schmuck. Auch Kolonialstädte findet man hier praktisch kaum welche. So konzentriere ich mich ausschliesslich aufs Radfahren. In der ersten Nacht flute ich nochmals so richtig schön mein Zelt in einem nicht enden wollenden Monsunregen und die nächste verbringe ich dafür an einer Tankstelle mit Dusche, WiFi und überdachtem Schlafplatz.

Die angezeigte Anzahl Kilometer an den Wegsteinen wird stündlich kleiner. Zuerst noch mehrere Hundert, dann nur noch mehrere Dutzend und dann, am sechsten Tag, ragt sie vor mir in die Höhe – die Puente de las Americas, die Brücke der Amerikas. Wenn es zwischen Nord- und Südamerika so etwas wie einen Graben gibt, dann wird es wohl der Panama-Kanal sein. Und genau diese Brücke führt über diesen Kanal – den berühmtesten der Welt. Stehenbleiben und ein Foto machen wäre allerdings lebensgefährlich. Zu dicht ist hier der Verkehr. Am Horizont sehe ich dutzende Schiffe, welche auf die Durchfahrt warten und vor mir ragen Wolkenkratzer in den Himmel. Das Ziel, ich kann es sehen… endlich. Es ist das Ende von Zentralamerika. Von hier aus geht es mit dem Segelschiff nach Kolumbien, denn ein paar Kilometer weiter südlich hört die Panamericana auf. Einfach so. Es ist die längste Strasse der Welt, aber eigentlich fehlen da in der Mitte 80 Kilometer. Diese 80 Kilometer ist der “Darien-Gap” und gehört bis heute den Schmugglern, Menschenhändlern, Flüchtlingen und der Guerillakämpfer der FARC. Es gibt ein paar Verrückte welche es trotzdem versuchen. Durch den undurchdringlichen Dschungel. Vor ein paar Jahren hat mal einer mit einem Landrover den Darien-Gap durchquert, und benötigte dafür nur 2 Jahre! Da ich weder lebensmüde noch 2 Jahre im Dschungel verbringen möchte, werde ich wohl diesen Gap mit dem Schiff überqueren müssen. 

Ich finde mein Hostel inmitten zwischen den Wolkenkratzern und checke ein. Wieder bin ich umgeben von Menschen aus aller Welt, doch irgendwie habe ich heute richtig Bock dazuzugehören. Ich habe Lust ihre Geschichten zu hören, und ihre Reisepläne. Es scheint als hätte ich die vielen Backpacker-Hostels in Nicaragua verdaut und wieder bereit dazuzugehören. Abends liege ich im Bett und lasse die Länder nochmals Revue passieren. Ich erinnere mich an die alten Grossmuttis welche in El Salvador die Papusas zubereitet haben, ich erinnere mich an die Hausfrauen und unsere kleine Party beim Strassenstand, erinnere mich an Randall und seine Käseproduktion in Costa Rica, erinnere mich an den feuerspuckenden Vulkan in Guatemala und natürlich erinnere ich mich auch an sie – die schönste Frau Zentralamerikas, inmitten der ganzen Gewalt Honduras. Eines Tages komme ich zurück. Ganz bestimmt!

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