Unterwegs in Baja California

Die Sonne steht schon tief am Horizont, als ich die letzte Strasse auf amerikanischem Boden erreiche. Der Verkehr drückt in Richtung Süden und lässt mir nur sehr wenig Platz. Irgendwie scheint es fast so, als würden alle versuchen die Grenze zu erreichen, obwohl ihr Präsident ja so oft vor diesem achso bösen Land warnt. Auch meine letzten Bekanntschaften in den USA waren alles andere als erfreut zu hören, dass ich bald die Grenze nach Süden überqueren möchte. “You better will have a gun” oder “good luck” waren die normalen Reaktionen darauf. Und genau diese Reaktionen spornen mich in meinem Vorhaben an, denn bisher waren es genau diese Länder, welche mir die besten Zeiten bereitet haben. Länder, von welchen die Regierungen, Reiseguides und Nachbarländer abraten da es zu gefährlich sei diese alleine zu bereisen. Ich hatte dies im Iran, in Kambodscha und in Myanmar – alles Länder, welche einen etwas schlechten Ruf haben und/oder eine ziemlich schlechte Presse erhalten. Und das völlig zu Unrecht wie ich jeweils herausfand. Daher sind es genau diese Reaktionen, von Menschen welche selbst noch nie im jeweiligen Land waren, welche mich anspornen die Grenze zu erreichen. Und heute ist es mal wieder so weit. Nach fast 4 Monaten in den USA – die mit Abstand längste Zeit welche ich jemals an einem Stück in einem Land verbrachte – erreiche ich heute die Grenze zu Mexiko. In den nächsten Wochen geht es alles entlang dem Highway 1 die Halbinsel Baja California runter in den Süden bis nach La Paz, von wo aus ein Schiff mich und Chocolate zum Festland bringen wird. Eine Strecke von ca. 1500 Kilometer durch endlose Wüsten, vorbei an einsamen Stränden und immer mal wieder durch ein kleines Dorf um Lebensmittel und Wasser aufzuladen. 

Die Grenze bei Mexikali ist genau so wie es eigentlich fast jede Grenze auf der Welt ist – chaotisch, stressig und laut. Die Strasse wird auf fast 10 Spuren ausgeweitet, und am Ende von jeder Fahrspur wartet eine Kontrollstelle. Die letzte Abzweigung zurück nach Amerika liegt einige Meter hinter mir und ab jetzt gibt es kein zurück mehr. Als nächstes bin ich an der Reihe und wie auf Kommando erhöht sich der Puls. Grenzübergänge gehören ganz sicher nicht zu meinen Lieblingsorten, denn hier entscheidet sich oft der weitere Verlauf einer Reise. Aber als Schweizer Bürger sollte es eigentlich kein Problem sein auf dem Landweg nach Mexiko zu kommen. Die kritischen Augen von den zwei Polizisten vor mir sprechen jedoch eine andere Sprache – Spanisch! Und ich verstehe nix… Sie wollen wissen was in den Taschen drinnen ist, und eigentlich ist die Antwort ganz einfach. Küche, Büro, Kleiderschrank und mobiles Haus. Doch auf spanisch wird die Angelegenheit etwas komplizierter. Anstatt einer Antwort starre ich ihn an wie ein gerade ertappter Drogenschmuggler, während ich eigentlich nach einem spanischen Wort zur Erklärung suche. Hinter mir hupen Autos und die Abendsonne fühlt sich auf einmal so viel wärmer an. Dann, kurz bevor er mich wahrscheinlich verhaftet hätte, fällt mir endlich ein Wort ein – Mi Casa! Seine Mundwinkel verschieben sich nach oben und zusammen mit seinem Kollegen lachen sich nun die beiden Polizisten über meine Antwort schlapp. Schon mal einen guten Anfang in Mexiko. Schnell möchten sie noch mein Reiseziel wissen, worauf sie sich gleich nochmals schlapp lachen als ich Argentinien sage. Somit sind die Einreisekontrollen abgeschlossen und ich werde durchgewunken in das Land, welches für fast 3 Monate meine nächste Heimat sein soll.
Mexiko ist anders… Mexiko ist so total anders als wie die USA! Die Häuser sind auf einmal viel bunter, älter, kaputter aber mit so viel mehr Leben als wie in den Staaten. Auf den Strassen spielt hier das Leben – Essstände, Kleidergeschäfte und Parfümerien blockieren den Fussgängerstreifen, während dazwischen laute Subwoofer lateinische Popmusik in das ganze Chaos blärren. Dazwischen fröhliche Gesichter welche sich in einer für mich unverständlicher Sprache lautstark unterhalten und das Leben anscheinend noch so richtig geniessen. Die nächsten Monaten werden auf jeden Fall super, doch jetzt brauche ich erstmal ein Bett sowie eine Dusche. 

Mexiko ist laut, und das ist es auch in der Nacht. Erst um kurz vor 3 Uhr morgens verstummte die laute Musik auf der Strasse und liess mich endlich schlafen. Somit geht es am nächsten Tag etwas später aus Mexicali raus. Mit vollen Wasserflaschen (insgesamt 4.5 Liter) fahre ich mit einem starken Rückenwind auf dem Highway 5 in Richtung San Felipe. Schnell nimmt der Verkehr ab, als ich die Stadt verlasse und wieder auf einen Schlag zurück in der Wüste bin. Obwohl ich die Wüste mittlerweile sehr gut kenne, ist diese Wüste hier doch nochmals etwas ganz anderes. Während sonst noch ein paar Büsche zu sehen waren, ist es hier einfach eine riesige Fläche mit keinem einzigen Zeichen von irgendwelcher Vegetation. Einfach nur Sand, und das so weit das Auge reicht. Entsprechend sind hier auch starke Windstärken möglich, welche mich nun so stark von hinten anschieben, dass der Tacho bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 30km/h verharrt. So erreiche ich trotz der späten Abfahrt kurz vor Sonnenuntergang ein abgelegenes Restaurant mitten im Nirgendwo. Eigentlich möchte ich nur etwas Wasser auftanken und ein paar Burritos futtern, die Köchin ladet mich jedoch gleich ein die Nacht hier zu verbringen. Mexikanische Gastfreundschaft! So spiele ich noch etwas mit dem Hund bis es stockdunkel ist und nur noch die Sterne und der Mond die Wüste erleuchten. Ein Zelt wird hier draussen nicht benötigt, denn es gibt keine Moskitos und nur sehr wenige andere Tiere. Als ich dann am nächsten Morgen aufwache weil etwas schweres auf meinem Bauch liegt, erschrecke ich nicht schlecht. Die Katze von dem Restaurant fand mich anscheinend als Bett ganz gut und so sträubt sie sich nun wieder von mir abzulassen. Auch der Hund wartet schon freudig neben mir auf seine nächste Spielstunde. Ich erfülle ihm diesen Wunsch und sitze 1.5 Stunden später wieder im Sattel. Da es am Morgen fast Windstill ist, geht es nun nicht mehr ganz so schnell vorwärts wie bisher. Dennoch erreiche ich San Felipe bereits am Mittag und schlage das Zelt im örtlichen Campingplatz auf.
Von hier aus ändert sich die Strasse grundlegend, denn bisher hatte ich die Freude auf einem grossen Highway mit breiten Seitenstreifen und wenig Verkehr zu fahren. Nun aber gibt es keine Seitenstreifen mehr und der Asphalt hat definitiv auch schon besser Zeiten gesehen. Ich weiche nicht nur riesigen Schlaglöcher aus, sondern muss auch noch bei jedem Lastwagen so nahe an den Fahrbahnrand, dass manchmal die Räder im tiefen Sand einsinken. Freude beim Radfahren sieht ganz sicher anders aus. 

Aber dafür werden die Campingmöglichkeiten viel besser. Hier in Baja kann man ohne Probleme einen einsamen Strand finden oder einfach irgendwo in der Wüste campieren ohne dass es irgendjemanden stört – so ganz anders als wie in den USA. Ich entscheide mich für die erste Variante und koche somit Abendessen zum Klang der Wellen. Dies wird in den nächsten Tagen zum Standard und so campe ich täglich irgendwo im Sand – entweder am Strand oder mitten in der Wüste. Die grösste Herausforderung ist es dabei, in den jeweiligen Dörfern einen Agua Purificada – eine Wasserstelle – zu finden, wo für wenige Pesos sehr viele Liter Trinkwasser getankt werden können. Um die weiten Distanzen zwischen den Dörfern überbrücken zu können und abends noch genügend Wasser zum kochen zu haben, reichen die 4.5 Liter in den Trinkflaschen nicht mehr aus, und so fülle ich zusätzlich den Wassertank mit weiteren 6-8 Liter Wasser. Das Gewicht von Chocolate erreicht so ein neues Maximum und ich spüre jeden Pedalentritt in den Beinen. Ein ungewolltes Workout in einer Gegend wo man eigentlich besser keinen Sport treibt.
Der Strassenzustand verändert sich genau so wie die Gegend. Manchmal geht es über breite Highways mit noch breiterem Seitenstreifen und smoothen Asphalt, und manchmal sieht die Strasse aus wie einen kleinen Trampelpfad. Und das, obwohl es immer der Highway 1 ist, also die einzige durchgehende Strasse von der Grenze im Norden bis runter nach La Paz. Nach etwas mehr als einer Woche erreiche ich die kleine Ortschaft Mulege, welche an einem Fluss und nur circa 2 Kilometer vom Meer entfernt ist. Hier gibt es gemütliche kleine Cafés, Agua Purificada, einen kleinen Dorfladen welcher ein besseres Sortiment als mancher Supermarkt hat und jede Menge freundliche Einheimische. Der örtliche Campingplatz bietet zudem WiFi, eigenen Strom- sowie Wasseranschluss und viele schattenspendende Bäume für einen günstigen Preis. Genügend Gründe für einen Ruhetag, denn schliesslich bin ich nun schon seit fast 2 Wochen Nonstop unterwegs und entsprechend müde sind die Beine. An der örtlichen Wasserstelle treffe ich auf Jim, einen Rentner aus Colorado welcher schon sein ganzes Leben gereist ist. Er lädt mich zu seinem Ferienhaus ein, welches auf einem Felsen direkt über dem Campingplatz steht. Wir geniessen Eiskaffe und die Aussicht auf Palmen während er von seinen Reisestories erzählt. Und diese sind zahlreich! Unter anderem war er dreimal in Afghanistan, und zwar nicht als Soldat! Zudem machte er lustige Erfahrungen als Hitchhiker in Europa und der Türkei, sowie mit der nicht ganz ungefährlichen Tierwelt in seiner zweiten Wahlheimat Australien. Es ist genau die Art von Ruhetage welche ich mir wünsche. Es ist immer schön die Zeit mit jemanden teilen zu können 🙂 

Nach dem Ruhetag fahre ich aus meiner kleiner Oase raus und weiter nach Süden. Die Strasse verläuft hier alles mehr oder weniger entlang dem Meer, was vor allem viele kleine Hügel bedeutet. Die Beine kommen so praktisch nie zur Ruhe, denn es geht immer so 20 Minuten aufwärts, worauf ein 2-4 minütiger Downhill folgt. Gegen Abend verlässt die Strasse das Meer und führt zurück in die Wüste. Nur das Klima ändert sich aufgrund der Windrichtung kein bisschen. Obwohl ich mich mitten in der Wüste befinde, ist es noch immer schwülwarm – eine ganz neue Erfahrung bisher. So verschiebt sich auch die Abfahrt am nächsten Tag um ein paar Stunden, da zuerst das Zelt austrocknen muss. Etwas nervig, aber das Wissen, dass La Paz nicht mehr weit weg ist, beruhigt ein bisschen. Nach einem letzten Abstecher zurück ans Meer geht es dann über viele Höhenmeter über die letzte Bergkette zurück in die Wüste und von dort aus über eine schnurgerade Strasse nach La Paz. Unterwegs treffe ich noch auf Nancy und Dave, welche von Alaska nach Argentinien fahren. Wir trafen uns bereits schon einmal, als ich auf einer kleinen Tagestour zum Lake Tahoe in den Staaten fuhr (siehe den Blogpost hier). Etwas mehr als zwei Wochen seit der Abfahrt in Mexicali, erreiche ich den letzten Militärcheckpoint und rolle hinein in La Paz. Von hier aus geht es nun mit dem Schiff zurück aufs mexikanische Festland und von dort aus auf eine der gefährlichsten Strasse der Welt: den Highway 40, welcher in unzähligen Kurven von 0 Meter auf fast 3000 Meter hoch führt, und dabei auch nicht selten von Drogenkurieren benutzt wird. Ich nenne dies “The great Escape”, denn es ist der schnellste Weg um der drückenden Hitze zu entfliehen und wird bestimmt ein weiteres grosses Abenteuer. Aber diese Geschichte folgt in einem anderen Blogpost!

 

Gefahrene Strecke:

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