Der Cowboy mit dem Stahlrad

Ein weisser Pickup-Truck biegt um die Ecke und fährt im Schritttempo durch die kleine Parkanlage, welche den Anfang eines Wanderweges kennzeichnet, welcher von der kleinen Ortschaft Lone Pine über die sandigen Felsen weit hinauf zum höchsten Berg der USA führt. Den Mount Whitney.
Ich ducke mich hinter den Busch, denn eigentlich dürfte ich nicht hier sein. Nicht weil Radfahrer hier verboten wären, aber weil auf dem Schild ein paar Meter neben mir “Day use area” steht und somit ein Aufenthalt nach Einbruch der Dunkelheit hier verboten ist. Mir bleibt aber leider keine andere Möglichkeit, denn wie so oft gibt es sonst schlicht keinen anderen Platz um zu zelten da selbst der hinterletzte Busch auf Privatgrund steht – und Bauern haben hier Knarren! Daher ist es besser in einer staatlichen “Day use are” zu campieren als wie sich ein paar Kugeln auf einem nahegelegenen Feld einzufangen. 
Der Wagen kommt nun näher in meine Richtung und seine Scheinwerfer scheinen nun direkt auf das Gebüsch, hinter welchem mein Zelt versteckt ist, und ich hoffe dass die reflektierenden Teile nicht durch das Gebüsch hindurch leuchten. Dann dreht der Wagen weg und fährt weniger als einen halben Meter vorbei, wobei die Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden relativ klein ist, da auch ich mich hinter einem Gebüsch verstecke. Dennoch spüre ich das Kribbeln überall auf meiner Haut und die Angst doch entdeckt zu werden steigt. Und dann endlich biegt der Wagen zurück auf die Hauptstrasse ein und fährt zurück in Richtung Dorf. Gemäss Erfahrung kommen die Rangers nicht vor dem nächsten Morgen zurück, und so krieche ich endlich todmüde ins Zelt. Wildzelten kann in den Staaten ganz schön Nervensache sein – manchmal. 

Nach einem frühen Start am nächsten Morgen (man weiss nie wann die Rangers zurückkommen) betrete ich die alte Holztüre zum lokalen Café, welches mit dem besten amerikanischen Frühstück in der Wüste auf einem verrosteten Schild über dem Flachdach wirbt. Es wird die letzte Stärkung sein, bevor es in eine der unmenschlichsten Gegenden der Welt geht, das Death Valley. Doch bevor es so weit ist, bejahe ich noch ein paar Mal die wunderschöne Frage der dicklichen Bedienung: “you like some more coffee?”. Na klar! Denn dieses Tal des Todes wird die Hölle werden!

Radfahren im Death Valley ist eigentlich total hirnrissig, wenn man sich die mal die Fakten dieses Ortes vor Augen führt. Es ist der tiefste, heisseste und trockneste Ort in den vereinigten Staaten. Im Jahr 1913 wurden hier unglaubliche 56.7 Grad celsius gemessen und im kompletten Jahr 1929 fiel kein einziger Regentropfen. Aber nun ja, ich liebe Herausforderungen 😉 Also fülle ich nochmals alle Wasserflaschen auf und los geht’s zu einem neuen Abenteuer. Und dieses besteht als erstes Mal aus ein paar Höhenmeter, denn von Lone Pine geht es ein paar hundert Meter höher bis man schliesslich über den Pass hinunter in das Panamint Valley sieht welches sich von Norden bis weit nach Süden erstreckt. Die Strasse schlängelt sich hier wie eine Schweizer Passstrasse hinunter ins Tal wo man in einem Restaurant sich erstmal an die heissen Temperaturen angewöhnen kann. Danach führt die Strasse schnurgerade durch den Talboden und auf der anderen Seite wieder hinauf auf fast 2000 Höhenmeter. Es ist ein bisschen wie Achterbahn fahren, nur dass der Schwung nicht für den Anstieg ausreicht und man in der Abfahrt besser nicht die Arme in die Luft streckt. Den Talboden erreiche ich kurz nach Mittag und entscheide mich aufgrund von den Temperaturen erstmal für eine längere Pause. Erst kurz vor fünf Uhr nachmittags durchquere ich den Talboden und kämpfe mich auf der anderen Seite wieder den Berg hoch. Schnell ist der leichteste Gang eingelegt, und dennoch wünsche ich mir einen leichteren – das letzte Mal hatte ich einen solch steilen Anstieg in den Bergen Laos, und ich war eigentlich sicher, nicht nochmals in eine solche Radfahrer-Falle zu tappen. Jänu, hier habe ich nun die Herausforderung. Aber wie so oft werden die Strapazen auch belohnt, und die Belohnung hier ist atemberaubend. Auf der gegenüberliegenden Talseite erreicht die tiefe Wüstensonne die Strasse auf welcher ich vor ein paar Stunden noch ins Tal hinuntergesaust bin und der Sand in der Luft erscheint nun in wunderbaren Rot- und Gelbtönen. Weit unter mir leuchtet die schnurgerade Strasse im Talboden und direkt über mir beginnen die ersten Sterne zu leuchten. Eine Szenerie die mehrere Fotostopps benötigt! 

In kompletter Dunkelheit erreiche ich die Passhöhe und eigentlich möchte ich keinen einzigen Kilometer mehr weiterfahren, wenn da nicht ein Gratis-Campingplatz mit Trinkwasser ein bisschen weiter weg locken würde. Und sowieso geht es ab hier ja nur noch abwärts. Also nochmals zwei mal in die Pedale treten, Fahrt aufnehmen und dem Lichtkegel kurz vor dem Vorderrad folgen. Aufgrund der Dunkelheit kann ich nicht erkennen wie schnell ich unterwegs bin, aber das Tempolimit von 60km/h ist glaubs überschritten. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, denn trotz der Trockenheit gibt es hier ziemlich viele Kojoten, und ein Zusammenstoss hätte verheerende Folgen. So wird die malaysische Hupe an dem Lenker mal wieder rege benutzt inmitten der amerikanischen Wüste – auf einem Schweizer Fahrrad! Der Campingplatz, welcher eigentlich eine alte Ranger Station ist, liegt weit entfernt von jeglichen anderen touristischen Einrichtung und vor allem weit weg von jeglichen anderen Lichtquellen. So zähle ich Sternschnuppen, während auf dem Kocher das Nudelwasser brodelt und nicht weit entfernt die Kojoten um die Wette heulen.

Der nächste Morgen beginnt erst mal wie der letzte geendet hat, nämlich mit einem Downhill. Bis zum Talboden sind es nochmals fast 1500 Höhenmeter und so können die müden Beine noch für’s erste etwas ausruhen. Das kleine Dorf im Talboden heisst Stovepipe Wells und ist eigentlich ausschliesslich für Touristen erbaut (so macht es zumindest den Anschein). Da auch dieser Tag wieder viele Strapazen mit sich bringen wird, gibt es hier erstmal wieder “coffee all you can drink” sowie Speck und Rührei. Und das alle mal drei, denn schliesslich wurden und werden viele Kalorien benötigt.
Von Stovepipe Wells aus führt die Strasse am Talboden entlang bis nach Furnace Creek, welches ziemlich viele Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Von hier aus würde eine Strasse noch bis nach Badwater (keine Ahnung wie die Wasserqualität dort ist) führt, den tiefsten Punkt der USA. Somit liegt der tiefste und höchste Punkt der USA nur wenige Kilometer von einander entfernt.
Schilder am Strassenrand weisen auf die extreme Hitze hin und die Fahrer werden gebeten die Klimaanlage ihres Fahrzeuges auszuschalten da ansonsten evtl. ihr Fahrzeug in Flammen aufgehen könnte. Gegen das erste kann ich nix machen und das zweite gibt es bei Chocolate nicht, daher gehts weiter über den heissen Asphalt. Links und rechts neben mir erstreckt sich eine fast schon unwirkliche Mondlandschaft welche von hohen Bergen begrenzt wird.

Ein Blick auf den Fahrradcomputer verrät 45 Grad Celsius, also angenehm kühl für das Death Valley, welches sonst während den Sommermonaten regelmässig über 50 Grad verzeichnet. In Furnace Creek lege ich nochmals einen Hitze-Zwangsstopp ein und quäle mich dann im letzten Sonnenlicht gegen den späten Nachmittag hinauf zurück auf Meereshöhe und darüber hinaus. Das Death Valley ist überstanden, und vor mir liegen somit nun Ruhetage in der Stadt der Sünde – Las Vegas. 

Im Land der Cowboys – Arizona

Die Ruhetage genoss ich in vollen Zügen bei einer typisch amerikanischen Familie, welche mir über Warmshower Obhut angeboten hat. Ein eigenes Zimmer, Pool sowie WLAN halfen dabei den Velofahrer-Alltag auszuschalten und mich auf die bevorstehenden Tage vorzubereiten. Bevor es nach Mexiko geht steht noch eine weiteres grosses Highlight bevor, den Grand Canyon.
Über einen Radweg geht es hinaus aus Vegas und während die letzten Kasinos an mir vorbeiziehen, fällt mir auf, dass ich in keinem einzigen gewesen bin. Auch keine Poolparty oder sonst ein typisches Vegas-Highlight habe ich gemacht, sondern einfach die Zeit mit der Familie Hackett genossen. Schon lustig wie eine Reise die Persönlichkeit ändern kann. Über den Hoover Damm verlasse ich Nevada und komme nach Arizona. Die Abbildungen auf den Nummerschilder der Fahrzeuge versprechen den Wilden Westen. Kakteen und Cowboys auf Pferden sind darauf abgebildet, welche dem Sonnenuntergang entgegenreiten. Die Wahrheit sieht allerdings einiges anders aus, den das Pferd wurde schon vor längerer Zeit gegen überdimensionale Pick-Up Trucks mit Zwillingsreifen eingetauscht, welche nun ebenfalls überdimensionale Anhänger ziehen. Was in den Anhängern ist? Dreimal dürft ihr raten…. natürlich die Pferde, auf welchen sie angeblich früher der Sonnen entgegenritten. Immerhin tragen die Fahrer noch immer die typischen Cowboy-Hüte und somit kommt wenigstens ein kleines bisschen Wild-West-Feeling auf.
Nach über 100 Kilometer auf einem extrem überfüllten Highway ohne Seitenstreifen (Gott ich vermisse die Zeit als die Cowboys noch die Pferde benutzten um von A nach B zu kommen), erreiche ich die wohl bekannteste Strasse der USA – Die Route 66. Als Radfahrer bin ich hier eher so etwas wie einen Aussenseiter, doch das war ich auch schon über Monate in praktisch ganz Asien. Die Route 66 führt mich endlich weg vom lauten und gefährlichen Highway, hinaus in die trockenen Büsche und Hügel. Rechts neben mir verlaufen die Bahnschienen der Santa Fee Bahn, welche fast so berühmt wie die Strasse ist, auf welcher ich nun mit dem Wind im Rücken dahinfahre. Vor mir erreicht die nun rot leuchtende Sonne die ersten Hügelspitzen und mein iPod spielt beruhigende Klänge von Xavier Rudd – es fühlt sich mal wieder nach totaler Freiheit an, welche nur durch die vielen Verbotsschilder am Strassenrand begrenzt wird. Mal wieder wird es nicht einfach einen Schlafplatz zu finden, da selbst der hinterletzte vertrocknete Busch in Privatbesitz ist. 

Ich geniesse noch drei weitere Tage auf der Route 66, welche immer wieder mit sehr originellen Tankstellen-Shops und Relikten aus vergangenen Tagen überrascht. So wird jeder Stopp schon fast etwas nostalgisch und irgendwie erholt sich der Akku der Kamera auch nicht mehr so richtig. Was sich grundlegend geändert hat seit dem Verlassen von Las Vegas sind die Temperaturen. War ich damals noch froh eine Klimaanlage bei meinem Warmshower-Host zu haben, so wünsche ich mir nun eine Heizung, denn die Nächte werden bitterkalt. Als ich eines Morgens das Zelt nicht aufrollen kann, da es mit einer dicken Eisschicht bedeckt ist, entscheide ich mich schweren Herzens mal wieder etwas Geld in vier Wände, sprich ein Hotel, zu investieren. In Williams auf fast 2000 Meter über Meer angekommen, beziehe ich somit das einzigste Hostel weit und breit und geniesse nicht nur ein richtiges Bett, sondern auch mal wieder etwas Kontakt zu anderen Reisenden. Von hier aus sind es nur noch knappe 100 Kilometer bis zum grössten “Riss” in der Weltgeschichte – dem Grand Canyon. Bereits vor ein paar Tagen war ich dem Canyon bis auf wenige Kilometer herangekommen, dann jedoch von Indianern wieder zurückgeschickt worden, da man eine Bewilligung benötigt um dessen Reservat zu durchqueren – und diese gibt es nicht für Radfahrer. Also starte ich am nächsten noch bitterkalten Morgen den nächsten Versuch und radle über die einzigste Verbindungsstrasse zum Grand Canyon Nationalpark, welcher entsprechend voll mit Wohnwagen und anderen grösseren Fahrzeugen ist. In Tusayan, dem letzten Dorf vor dem Nationalpark, fühle ich mich mal wieder ein bisschen wie in Disneyland, denn hier ist alles für die Touristen erbaut worden und alles wirkt mehr als nur ein bisschen künstlich. Aber das Gute ist der Wald, von dem es umgeben ist, denn in diesem ist campieren erlaubt und vor allem gratis. Ich unternehme einen letzten Versuch den Canyon ausserhalb des touristischen Trampelpfades zu erreichen, merke jedoch schnell dass jeder Weg sonst wieder durch ein Indianer-Reservat führt und somit eine Bewilligung benötigt wird. Also schlage ich ich wortwörtlich in die Büsch, entfache ein Feuer welches wenigstens ein bisschen wärmen soll und beobachte die Sterne welche zwischen den Baumkronen hervorglitzern.

Nach zwei Tagen am Grand Canyon mache ich mich zurück auf den Weg in den Süden um zu meinem Cousin Adam nach Phoenix zu kommen. Ein letztes mal erfriere ich nochmals beinahe, als ein Gewitter mitten in der Wüste nicht nur starke und kalte Winde bringt, sondern sogar Schnee. Danach geht es immer weiter runter, bis schliesslich die Hitze wieder Überhand nimmt und ich bei “gemütlichen” 38 Grad Phoenix erreiche. Es wird die letzte Station in den USA sein, bevor es nach fast 4 Monaten weiter ins nächste Land geht – Mexiko! Ich nutze die Zeit bei Adam mit Reparaturarbeiten am Equipment sowie Updates an Blog etc. Schwalbe aus Deutschland sendet mir noch zwei neue Reifen und ich kaufe mir endlich mal wieder neue Schuhe. Sandalen für das wärmere Wetter 🙂 Somit haben Chocolate und ich quasi neue “Schuhe” und wir sind bereits uns in das nächste Abenteuer zu stürzen, welches nur wenige Tage später mit dem Grenzübergang in Mexicali beginnt.
Die USA waren für mich eine Herausforderung in jeglicher Hinsicht, denn der Unterschied zum asiatischen Leben, welches ich fast ein Jahr lang genoss, ist so gross, dass ich oft an meine Grenzen kam. Ich möchte hier auf jeden Fall gar nichts schlecht reden, denn ich habe in Amerika wunderbare Leute kennengelernt und hatte eine wahnsinnig gute Zeit, aber dennoch wünschte ich mir oft, dass die Leute ein bisschen mehr “asiatisch” wären. Der Westen ist einfach eine Gegend, in welcher das neue iPhone mehr Wert hat, als wie menschliche Kontakte. Obwohl genau das materielle das ist, welches uns kaputt macht und uns eines Tages unglücklich zu Hause sitzen lässt – inmitten von all den wertlosen Sachen welche wir uns angehäuft haben. Ich wünsche mir dass die Menschen im Westen wieder anfangen würden Dinge zu benutzen und Menschen zu lieben, und nicht umgekehrt, wie ich es in vielen Fällen erleben musste. Und aus diesem Grund freue ich mich schon fast ein bisschen die Grenze nach Mexiko zu überqueren, da ich von anderen Reisenden gehört habe, dass hier die Menschen wieder etwas mehr “asiatisch” sind. Mal schauen wie es wird. Im nächsten Blogpost wird bestimmt mehr darüber stehen.

Alle Bilder hier

Gefahrene Route:

Teil 1 – Reno – Las Vegas  

Teil 2 – Las Vegas – Phoenix

2 Comments

  1. SANDRA L PICKENS 2. November 2017
    • MartinR 2. November 2017

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