Land of the free.?

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Oha bei einem solchen Titel muss ich mich wohl gleich mal erst erklären. Nun, nach einer Woche absoluter Freiheit in mitten der Wüste von Black Rock, wo ich mit Freunden eine unglaubliche Zeit am Burning Man verbringen durfte, finde ich mich auf einmal wieder zurück in der Realität (hier der Rückblick zum Burning Man).

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Irgendwo in Reno, der Stadt wo früher die Goldsucher ihr Glück suchten und nicht wenige tatsächlich mit Taschen voller Gold zurück nach Hause kehrten. Heute suchen noch immer die Leute ihr Glück, wenn auch nicht in den staubigen Minen, sondern vielmehr in den vielen Kasinos, welche das Stadtbild im Zentrum bestimmen. Leute welche nicht mehr in die Kasinos von Vegas reingelassen werden, fliegen über das Wochenende halt eben kurz in das ca. 600 Kilometer entfernte Reno – entsprechend ist der Flugverkehr über meinem Kopf. Wie auch immer, obwohl dieser Platz nicht viele Regeln zu kennen scheint, ist dennoch vieles mindestens so stark reglementiert wie in der Schweiz. Was den Eigentum angeht, eventuell sogar noch etwas mehr, denn praktisch an jeder Ecke hängt ein Schild welches den Zutritt zu irgendeinem Gelände verbietet – auch wenn es nur trockene Büsche sind dahinter. 
Das Burning Man ging schlussendlich viel zu schnell zu Ende, und kaum haben wir das Gelände verlassen, zogen meine Freunde auch gleich schon weiter nach San Francisco um ihren Rückflug zu erwischen. So sitze ich nun hier bei der kleinen Schwester von Las Vegas, wundere mich über die vielen Verbotstafeln um mich herum, über die vielen gestressten Menschen welche mit ihrem Starbucks-Becher in der Hand von einem Geschäft zum nächsten rennen und irgendwie überhaupt nicht so entspannt (und bunt) sind, wie die Menschen welche mich eine ganze Woche umgeben haben sowie über die vielen künstlichen Lichter, welche nachts die Sterne verdecken. Keine Frage, ich muss hier raus. Ich muss zurück zu den Sternen und die Freiheit finden, von welcher die Amerikaner immer sprechen. Und zwar schnell! Doch ist dies nicht so einfach, da ich noch immer im komplett verstaubten Camper sitze, welcher unser Zuhause draussen in der Wüste war und für den zuerst ein Platz gefunden werden muss bis zum nächsten Jahr. So fahre ich mit einem Tag “Verspätung” mit dem 36 Jahren alten Camper raus aus Reno – natürlich erst, nachdem die netten Leute vom Walmart die Batterie geladen haben, da diese aus unerklärlichen Gründen mal wieder flach war. 

Der Abstellplatz befindet sich mitten in der Wüste, kurz vor dem Pyramid Lake im Norden der Stadt. Dies ist zwar aufgrund der Schotterpiste etwas umständlich, allerdings kann ich dadurch den Freeway umgehen und nochmals kurz im Pyramid Lake baden gehen. Endlich wieder zurück auf der Strasse!

Meine Route führt über Umwege von Reno zurück nach Süden und schliesslich in die Neonlichter-Stadt Las Vegas. Dazwischen gibt es vor allem eines: Sand. Sehr viel Sand! Weite Abschnitte, in welchen nicht ein einziges Haus zu finden ist und die Ruhe Nachts nur noch von herumheulenden Kojoten gestört wird. Hört sich nach Freiheit an! 
Die Sonne steht ziemlich hoch und brennt unermüdlich auf mich herab. Hier draussen in der Wüste Schatten zu finden ist schwierig, wenn nicht unmöglich, und so geniesse ich das kühle Wasser vom Lake Pyramid. Jedoch ist es noch nicht Zeit das Nachtlager zu errichten, denn so schön die Gegend hier ist, so illegal ist es auch zu zelten. Dies hier ist kein BLM, Land welches der Öffentlichkeit gehört und campen somit (meistens) erlaubt ist, sondern dies hier ist ein Indianer-Reservat, und somit wird für alles mögliche eine Erlaubnis benötigt – eigentlich auch zum baden (uuups). 

Also schwinge ich mich wieder auf den Ledersattel und fahre weiter bis zu einer vergessenen Tankstelle bei welcher es tatsächlich kühle Getränke gibt. Als ein Auto anhält und das schallende Gelächter einer jungen Indianerin erklingt, wird mir mal wieder gezeigt wie klein die Welt sein kann. Denn die Dame und ihren Kollegen habe ich damals auf dem Weg zum Burning Man kennengelernt, ebenfalls mitten in der Wüste an einem Indian Taco Stand. Wir begrüssen uns wie alte Freunde und mit stolz kann ich nun behaupten auch waschechte Indianer als Freunde zu haben 🙂

Als ich dann endlich das Zelt aufstelle, ist es bereits stockdunkel. Weit weg von jeglicher Zivilisation finde ich zwischen ein paar vertrockneten Büsche einen geeigneten Schlafplatz. Nach 3.5 Wochen wohnen im Camper fühlt sich wildzelten irgendwie etwas fremd an, obwohl es doch vorher eigentlich ganz normal zu meinem Nomadenleben gehört hat. Zu allem Übel spielt auch das Wetter nicht mit, und ein starker Sturm rüttelt so stark am Zelt, dass schlafen unmöglich wird. Als dann kurz nach Mitternacht auch noch Chocolate vom Wind umgeworfen wird, entscheide ich mich trotzdem umzuziehen. So ist es schlussendlich fast 2 Uhr morgens als ich endlich an einem etwas windgeschützten Platz etwas Schlaf finde.
Mit Fallon erreiche ich am frühen nächsten Morgen die letztere grössere Stadt für die nächsten paar hundert Kilometer. Also nochmals schnell den Vorrat an Lebensmittel auffüllen und ab in den Stadtpark um in der Hängematte etwas Schlaf nachzuholen und Mittagessen zu kochen. Es wird später Nachmittag bis es weiter auf dem Highway 95 – der “einsamsten Strasse Amerikas” – weiter nach Süden geht. Erstaunlich wie sich die Gegend hier ändert, denn umso näher man zum Stadtzentrum ist, umso grüner ist auch die Vegetation. Doch mit jedem Kilometer mehr wird das saftige Grün zu einem trockenen Beige. Die letzten Landmaschinen überholen mich und biegen schliesslich in einen der letzten Nebenwege ein. Danach kommt nur noch Wüste, und obwohl der Übergang langsam ist, steht man trotzdem ganz plötzlich in der Wüste. Dazu muss ich sagen, dass die Wüste mein absolutes Lieblingsterrain ist zum radeln, dennoch aber immer am Anfang ein etwas beklemmendes Gefühl habe in dieser unmenschlichen Gegend. Doch ein Blick auf den Gepäckträger beruhigt dieses Gefühl, denn es befinden sich noch mindestens 5 Liter Wasser im Reservoir, sowie fast 4 Liter in den Flaschen am Rahmen. Die Strecke führt mich runter nach Schurz, wobei dazwischen noch einen kleineren Berg überwunden werden muss. Und natürlich kurz vor der Passhöhe ziehen dicke schwarze Wolken auf. Ich freue mich allerdings nur halb über den unerwarteten Schattenspender, denn aus ihm schiessen zahlreiche Blitze und ich bin in dieser Gegend mit Abstand das höchste Objekt – auf einem Stahlrad. Na toll! 

Die Blitze verfehlen mich, jedoch nicht der Regen. So komme ich etwas nass in Schurz an, ein kleines Nest in welchem fast alle Fenster mit Holz vernagelt sind. Aufgrund des Wetters schlage ich mein Camp für diese Nacht nicht draussen in der Wüste auf, sondern auf einem Versammlungsplatz der örtlichen Indianern (jup, auch dies ist wieder ein Reservat). 

Die Blitze verziehen sich mit dem Wind in Richtung Norden und das Wetter zeigt sich am nächsten Tag als wäre es niemals schlecht gewesen. Ich nutze diese Wetterpause für die Weiterfahrt nach Hawthorne, ein Dorf welches genau so langweilig und normal aussieht wie viele weitere Dörfer mitten in der Wüste. Auch hier sind viele Fenster vernagelt und nur selten Menschen auf der Strasse anzutreffen, aber dennoch erlangte dieses Dorf vor längerer Zeit weltweit Bekanntheit. Denn hier befindet sich das weltweit grösste Munitionslager der Welt. Die US Army lagert hier so ziemlich alles ein was irgendwie in die Luft fliegen kann, und so besteht mein Plan darin, nur kurz etwas zu essen und sofort auf die einsame Strasse nach Lee Vining einzubiegen. Aber auch heute macht das Wetter einen Strich durch den Plan, denn von weitem schiessen schon wieder Blitze aus den Wolken. Regen in der Wüste, und das bereits zum zweiten mal in Folge. Erst später erfahre ich, dass dies Auswirkungen von dem Hurrikan Irma sind, welcher zur gleichen Zeit über 1000 Meilen entfernt an der Südküste wütet – Unglaublich!
Am späteren Nachmittag finde ich mich dann endlich auf einer kleinen Strasse mit dem wunderschönen Namen “359” wieder, welche später in Kalifornien “167” heisst. Hier ist sonst genau niemand unterwegs. Perfekter Asphalt zieht unter mir hinweg, während verdörrte Büsche bis zum Horizont reichen. Weit weg sind sandige Berge zu erkennen, welche nach weiteren 20 Kilometer bezwungen werden müssen. Ich wechsle die Musik auf dem iPod zu einem richtig schönen langen Deep House Mix, eine Aufzeichnung von einem DJ-Set bei meinem Lieblingsclub auf dem Burning Man, dem Robot Heart. Mit dieser verträumten Musik in dieser unwirklich scheinender Welt ist das Radfahren gleich wie Meditation. Die Kraft der Sonne lässt allmählich nach und die Farben um mich beginnen in einem kräftigen Rotton zu leuchten. Es scheint als würde der Sand in der Atmosphäre dieses Farbspiel noch intensivieren und schon bald befinde ich mich in einem einzigen Kunstwerk. Während die Sonne auf der einen Seite hinter den Bergen abtaucht, leuchten bereits die ersten Sterne auf der anderen Seite. Dazwischen sind so ziemlich alle Farben zwischen Dunkelblau bis Feuerrot zu finden. Wahnsinn!! 

In der kompletten Dunkelheit erreiche ich die Passhöhe und baue das Camp für die Nacht etwas abseits auf einem Feldweg auf. Während das Chilli con Carne leise vor sich hinblubbert, zähle ich die Sternschnuppen welche über meinen Kopf hinwegziehen. Als Pfadfinder kannte ich mal ziemlich viele Sternbilder und auch die ominöse Milchstrasse war auch immer wieder ein Thema. Jedoch sieht man diese in der Schweiz nur an wenigen Orten richtig gut und so blieb sie mehr eine Vorstellung als wie Realität. Hier jedoch wo es im Umkreis von gut 100 Kilometern keine Lichtverschmutzung gibt, wird die Milchstrasse zur Realität – und wie! Als hätte jemand einen Eimer Sterne über den Himmel ausgeschüttet, leuchten die vielen Sterne auf mich herab und vervollständigen das Bild der Milchstrasse. Die Sicht ist dabei so klar, dass selbst vorüberflitzende Satteliten sichtbar sind. Ich könnte diesem Schauspiel stundenlang zuschauen, doch die heutigen fast 130 Kilometer sowie die Kälte zwingen mich in den warmen Schlafsack. In den nächsten Monaten gibt es ja zum Glück noch viele weitere Sternenhimmel in der Wüste zu sehen.

Am nächsten Tag überquere ich die nicht sichtbare Grenze zurück nach Kalifornien und erreiche Lee Vining, das Tor zum Yosemite Valley. Hier war ich schon mal, und zwar auf den Tag genau vor einem Monat, als ich mit Cookie von den Sierra Nevada her hier runterdüste und dann nach Norden zum Burning Man fuhr. Nun bin ich alleine unterwegs, lasse es mir aber nicht nehmen nochmals im gleichen Stadtpark zu übernachten wie wir damals.
Die Strecke führt seit Hawthorne kontinuierlich etwas nach oben und so erreiche ich schliesslich das Skigebiet von Mammoth Lakes, welches sich auf 2400 Meter befindet. Die Temperaturen lassen mich die Höhe spüren und so muss dringend für etwas Wärme gesorgt werden. Die zirka 10 Kilometer in der Steppe entfernten Hot Springs sind dafür ideal und zudem sogar noch gratis. Nur gefunden werden müssen sie selbst, denn es gibt sie auf keinen Prospekten oder Karten. Mit etwas rumfragen und suchen finde ich dann auch einen dampfenden Pool, zusammengeschustert aus ein paar Steinen mitten zwischen grasenden Kühen. Die Quelle selbst befindet sich etwas weiter oben und mittels Ventil kann man die Wärme regeln. Die Hot Spring hier heisst “Crab Cooker” und der Name verrät auch gleich wie heiss es werden kann. Das heisse Wasser ist eine Wohltat für die verspannte Beinmuskulatur und als nach einer guten Stunde Badezeit noch Einheimische auftauchen (mit eiskaltem Bier) ist der Moment perfekt um den Sonnenuntergang zu geniessen. Also man nehme nochmals die obengenannte Schilderung über den Sonnenuntergang sowie zum Sternenhimmel und kombiniert diese ganze Sicht mit einem heissen Pool mitten im Nirgendwo. Ziemlich geil, oder.?

Leider taucht auch heute wieder in der Ferne ein Gewitter auf und die Einheimischen verschwinden so schnell wie sie gekommen sind. Mein Plan ist es hier direkt an der Quelle zu campieren um so auch den Sonnenaufgang badend erleben zu können, nur scheint es so, als würde das Gewitter diesmal direkt auf mich zu halten. Hektisch packe ich meine sieben Sachen zusammen und beginne die Flucht, denn, hier draussen bin ich mal wieder der höchste Punkt. Keine Senke, keine Bäume, keine Felsen. Einfach nichts. Ich presche in völliger Dunkelheit über den Schotterweg, welcher mich mit seinen tiefen Schlaglöcher teilweise fast über den Lenker katapultiert. Doch die Flucht ist zwecklos… das Gewitter ist schneller. In der Ferne sehe ich einen Scheinwerfer und wie die Mücken folge ich dem Licht, welches sich als einen Jeep herausstellt. Er gehört einem Kalifornier aus Sacramento, welcher gerade versucht sein Dach wetterfest zu machen. Seine lange Haaren sowie seinen dicken Bart würden einen guten Santa Claus abgeben, wobei er dafür doch etwas zu jung ist. Als würden wir uns schon ewig kennen, begrüsst er mich mit einer Umarmung und sofort ist klar, wir werden dieses Unwetter gemeinsam durchstehen. So spannen wir in allerletzter Sekunde eine Blache über sein Fahrzeug und klettern in dasselbe während das Gewitter über uns hinwegzieht. Die Blitze schlagen überall ein, sind aber anscheinend nicht an uns interessiert. Als das Schauspiel vorbei ist, packen wir die Campingstühle aus, stellen die Musik sowie den Gaskocher an und geniessen die Lichtshow in der Ferne, während Sterne bereits den anderen Teil des Himmels erleuchten.

Meine neue Bekanntschaft scheint eine sehr wichtige Person zu sein, denn er erhält immer wieder Anrufe, obwohl es bereits nach 10 Uhr Abends sind. Und eines haben alle Anrufe gemeinsam: sie kommen aus dem Knast (er telefoniert ziemlich laut und vor jedem Gespräch wird eine Info abgespult dass das Telefon von den Sheriffs aufgezeichnet wird). Auf mein fragendes Gesicht entgegnet er, dass er Anwalt ist… besser als entflohener Massenmörder. Wir verbringen noch einen lustigen Abend zusammen und lachen Tränen, bis die Kälte uns kurz vor Mitternacht zum schlafen schickt. Immer wieder unglaublich auf was für Menschen man während dem Reisen trifft.

Kurz nach Sonnenaufgang fährt mein Kollege los, um rechtzeitig beim Yoga mit seinem Personal Trainer zu sein, und so verwirkliche ich doch noch meinen Plan mit dem Baden. Allerdings muss ich den Pool mit einem langhaarigen Surfer teilen, welcher aus seinem Heimatort (sorry, habe vergessen wo das war) abgehauen ist, um etwas Freiheit zu finden. Und so sinnieren wir über Freiheit und den Sinn des Lebens, worauf er dann schlussendlich meint, die Freiheit endlich hier oben gefunden zu haben. Und eigentlich hat er recht. So simpel und einfach es hier auch ist, wir haben alles was wir brauchen, und noch viel mehr. Wir leben den amerikanischen Traum im Land of the free!

PS: Klar ist hier nicht alles so einfach und perfekt. Von allen bisher bereisten Ländern ist die US eines der am härtesten und es wundert mich nicht, dass viele Freunde ihre Reise hier abgebrochen haben. Wie auch immer, was zählt sind die schönen Augenblicke und dies war ganz bestimmt ein solcher!

 

Gefahrene Route:

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