Ins Herz von Laos – Route No.23

Wenn das nur mal gut kommt denke ich als erstes während die Gegend um mich erst so langsam zum Vorschein kommt. Das Moskitonetz über mir hat einen guten Dienst getan, denn obwohl es die ganze Nacht gesummt hat, kann ich keine neuen Stiche finden. Die Wände der Unterkunft hätten niemals die Blutsauger abgehalten, denn diese bestehen nur aus ein paar Bambusplatten welche mit Hanfschnüren zusammengehalten werden. Ich befinde mich in Tat Lo, ein Ort welcher besonders für seine naheliegenden Wasserfällen bekannt ist – und hängengebliebene Backpacker welche den ganzen Tag in der Hängematte rumliegen und Beerlao trinken. Schön entspannt ist es hier und ich kann diese gut verstehen.
Ich bin erst am späten Vorabend von dem Bolaven Plateau angekommen, ein Ort welcher besonders wegen seinen vielen Kaffee-Plantagen von sich reden macht. Der Aufstieg von Pakse aus musste ich mir allerdings erst einmal verdienen, denn frischen Kaffee gibt es erst nach über 1200 Meter steigen. Doch dies hat sich gelohnt, denn erstmal oben angekommen wurde ich sofort mit Koffein vollgepumpt und in einem Homestay herzlich willkommen geheissen. Aber nun, ja nun stehe ich in einem wackeligen Bungalow in Tat Lo und schaue mit einem etwas flauen Gefühl auf die nächsten 24 Stunden. Denn heute möchte ich die gut ausgebauten Strassen mal wieder verlassen und im wenig besiedelten laotischen Hinterland die wahre Kultur des Landes suchen gehen. Die „Strasse“ No. 23 führt über 100 Kilometer durch ein weites Tal zurück in den flacheren Teil des Landes wo sich der Mekong nach Süden schlängelt. Ein wahres Paradies für die Augen und ein Grauen für meinen Hintern, denn eine Federung hat Chocolate nicht und Schlaglöcher wird es auf diesem Pfad nicht zu wenig geben. Bis es so weit ist, darf ich aber noch ein paar Kilometer Asphalt auf der No. 20 geniessen.

Und bevor ich mich überhaupt um genügend Wasser kümmern konnte, taucht die Abzweigung bereits vor mir auf. Ab geht es auf die 23ig, ab ins Abenteuer. Das wahre Gesicht verbirgt die Strasse seinem Ankömmling nicht – im Gegenteil, ab dem allerersten Meter beginnt der Slalom um die grösseren Schlaglöcher nur um dafür von kleineren durchgeschüttelt zu werden. Die Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt um drastische 10km/h und somit wäre ich schon fast schneller zu Fuss. Ist es wirklich das was ich wollte? Wird der Pfad wenigstens noch ein bisschen besser oder zieht sich das jetzt durch über die nächsten 100km? Ich entscheide mich weiterzufahren und einfach mal auf das Bauchgefühl zu hören. Wird schon schief gehen!

Dazwischen mal ein paar Bilder:

Nach gerade einmal 9km ist Schluss mit radfahren. Der Indochina Krieg zeigt seine Spuren und von der ehemaligen Brücke über einen Fluss sind nur noch die Betonsockel sichtbar. Die Fähre über den Fluss sieht alles andere als wie vertrauenswürdig aus, besteht sie doch nur aus zwei zusammengenagelte Fischerboote, welche durch einen Rasenmähermotor angetrieben wird. Also entweder umkehren, oder Augen zu und durch. Ich entscheide mich für das zweite und krachend erreichen wir wenige Minuten später die andere Flussseite. Sehr erfreut stelle ich fest, dass der Weg auf der anderen Seite einiges besser ausgebaut ist und sich die Schlaglöcher nun tatsächlich umfahren lassen. Und so steigt die Geschwindigkeitsanzeige seit langem mal wieder auf mehr als 15km/h.
Ein lauter Knall beendet die rasante Fahrt doch nach kurzer Zeit und nur schon vom Geräusch her ist mir klar, ein einfacher Plattfuss ist das nicht. Nachdem alle Gepäcktaschen endlich von Chocolate entfernt sind und das Hinterrad (es ist immer das Hinterrad…) ausgebaut ist, sehe ich den Schaden. Ein rosinengrosses Loch klafft im Reifen – im Reifen, nicht im Schlauch! Das reparieren von Schläuchen stellt an sich kein Problem dar, wenn jedoch der Reifen seinen Geist aufgibt, hilft meistens nur noch ein Austausch. Okay, Blick nach links: nur eine staubige Piste und ein paar Bäume. Blick nach rechts: ebenfalls eine staubige Piste und zwei lächelnde Kinder – oooh Sabadee!! Aber einen Radladen? Fehlanzeige. Also hilft nur noch Improvisation. Ein T-Shirt welches am Strassenrand liegt sowie das Flickzeug für Schläuche sind die einzigen Tools, aber es reicht irgendwie. Mal zumindest für die nächsten Kilometer…. hoffentlich kommt bald ein Radladen!
Tatsächlich finde ich im nächsten Ort einen Mechaniker mit einem passenden Reifen (zumindest was den Radumfang angeht, in der Breite jedoch ist dieser einige Zentimenter schmaler). Sogar eine asphaltierte Strasse gibt es hier, diese führt jedoch in die falsche Richtung. In meine Richtung führt ein schmaler Trampelpfad und dieser wird auch nicht mehr besser. Dafür beginnt hier die Abgeschiedenheit so richtig. Verkehr gibt es keinen mehr und der Weg führt über zahlreiche kleine Brücken, meistens aus nur einem Brett bestehend und selbst dieses fällt teilweise schon auseinander. Immer mal wieder passiere ich kleine Ansammlungen von Hütten, welche lebendiger nicht sein könnten. Hunde, Hühner, Enten, Schweine und dazwischen lachende Kinder, Mütter welche in einem Becken die Wäsche waschen und Grossmütter welche unter freiem Himmel an einem Webstuhl sitzen.
Die Sonne steht bereits schon sehr tief als mir bewusst wird dass das Wasser nicht für’s Kochen und Trinken ausreichen wird. Zudem habe ich keine Ahnung wie weit sich der nächste Ort befindet. Die kleinen Dorfgemeinschaften sind alle nicht auf dem GPS eingezeichnet und somit befinde ich mich in einem absoluten Blindflug. Zum Glück helfen einem die Leute immer je weiter abgeschieden man ist, und ein vorbeikommender Bauer gibt mir eine Flasche mit gelblich-grünem Wasser. Es sollte trinkbar sein, zur Sicherheit schliesse ich die Flasche aber trotzdem am Wasserfilter an. Nach einem kräfteraubenden Anstieg erreiche ich eine kleinere Ortschaft mit einem Laden und Roten Kreuz. Ich entscheide zu bleiben, denn einen besseren Schlafplatz werde ich heute wohl kaum noch finden. Die Mitarbeiter vom Roten Kreuz weisen mir einen kleinen Platz auf der Wiese zu und obwohl das Karaoke-Restaurant um die Ecke einen ohrenbetäubenden Lärm macht, schlafe ich innert Kürze ein. Was für ein Tag!

Die ersten Sonnenstrahlen erwärmen meine Haut, während sich ein wunderbarer Kaffee-Geruch breit macht. Es lohnt sich hald eben schon einen Coffeemaker dabei zu haben. Im Shop hole ich mir noch ein paar Bananen und schon ist das Nomaden-Frühstück bereit. Heute stehen weitere 80km Schotterpiste auf dem Programm und dann sollte ich endlich die lange erwartete Route No. 13 erreichen – die Verbindungsstrasse von Vientiane nach Kambodscha.
Die ersten Pedalumdrehungen gehen noch etwas anstrengend, spüre ich doch die anspruchsvollen letzten Tage noch in jeder Muskelfaser. Heute klagt jedoch auch mein Hinter, denn die vielen Schlaglöcher von gestern hat er nicht vergessen. Schnell jedoch finde ich wieder den gewohnten Rhythmus und die lachenden Kinder welche immer wieder „Sabadee“ zurufen lassen mich die Schmerzen vergessen. Das Dorfleben von Laos ist so ursprünglich dass man sich unweigerlich in der Zeit zurückversetzt fühlt. Die Dörfer sind Selbstversorger und alles was für das tägliche Leben benötigt wird fliegt und watschelt durch das Dorf. Die Felder werden mit Ochsen bearbeitet und Kleider werden noch selbst genäht. Und natürlich ertönt bei jedem Passieren eines Dorfes das Wort „Farang“, die Ankündigung dass ein Tourist vorbeikommt. Meistens versammelt sich alle Bewohner um die Strasse und jedes Mal ist es so als wäre ich eine Ein-Mann-Parade. Verrückt.
Wie geplant erreiche ich kurz nach dem Mittag einen grösseren Ort wo es auch Essen gibt und von hier aus sind es nur noch wenige Kilometer bis zur Hauptstrasse No.13.
Chocolate  wurde definitiv mehr als nur getestet und bis auf den Plattfuss haben alleTeile gehalten was sie versprechen. Das ist gut zu wissen, denn auch wenn solche Abstecher anstrengend sind, lohnen tun sie sich auf alle Fälle und es wird bestimmt nicht der letzte bleiben.
Mit Erreichen der Hauptstrasse enden nicht nur die Schlaglöcher sondern auch eine Reise in die Vergangenheit und eine Reise ins Herz von Laos. Nun gibt es erstmal eine Dusche um den ganzen Staub abzuwaschen und danach ein richtiges Bett J

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